Handbuch zur alltäglichen Kategorisierung von Weltproblemen (unvollständig)
Die folgende Geschichte, die Ihnen vor Augen liegt, ist frei erfunden und trotzdem Ihre Lebenszeit wert. Der Gedanke zu diesem…
Handbuch zur alltäglichen Kategorisierung von Weltproblemen (unvollständig)
Die folgende Geschichte, die Ihnen vor Augen liegt, ist frei erfunden und trotzdem Ihre Lebenszeit wert. Der Gedanke zu diesem Phantasiekontrukt kam mir bei der Arbeit, als ich einen Eierkocher in der Hand hielt und die harte Entscheidung fällen musste, ob er in die Elektromüllentsorgung kommt oder ob ich ihm eine zweite Chance gebe. Ein simpler Eierkocher. Naja, so simpel auch wieder nicht.
Es gab genau zwei Punkte, die mich zweifeln liessen, ob es wert war, ihm die Zeit zu schenken, ihn wie ein junges Giraffenbaby wieder aufzupeppeln. Zum einen ist da, dass er nur halb vollständig war. Ich weiss nicht, was gefehlt hat, aber etwas hat für mein Auge gefehlt, als dass ich ihn als vollzähligen Eierkocher hätte anerkennen können. Und zweitens. Zweitens war der Eierkocher für ein Ei, natürlich, ein Eierkocher ist meistens für Eier, aber für ein Ei. Ein einzelnes. Wo man Eier doch so oft beim Familienbrunch isst, mit Freund und Familie, die auch ein Ei wollen.
Und sind wir mal ehrlich, ein Ei ist kein Ei. Da ist ja schon die Theorie, dass egal wie viele Eier man zu Rührei verarbeitet, immer genau gleich viel Rührei herauskommt. Aber ganz abgesehen: Wer macht denn schon Rührei mit nur einem Ei? Rührei muss mindestens aus zwei Eiern bestehen, ein Eiersalat aus drei Eiern und einem halben Strauch Schnittlauch, und ein warmes Frühstücksei habe ich selten und wenn, dann nur am Familienbrunch mit der Familie gegessen.
Also stelle ich mir nun die Frage, stehend vor der Elektromülltonne, den Single-Eierkocher anschauend, als wäre es mein eigenes Kind: Wer zum Teufel benötigt einen Eierkocher, der nur exakt ein Ei kochen kann?
Und während ich so dastand und diesen Ein-Ei-Eierkocher betrachtete, wurde mir klar: Es gibt genau zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Man soll, und doch passiert es schneller als man will, und da schliesse ich mich mit ein, nicht in Schubladen denken und schon gar nicht, auch wenn es einen allzu oft dazu verleitet, in Schwarz und Weiss. Und trotzdem muss ich, auch wenn ich es, wie bereits erwähnt, weder besonders gerne tue noch eigentlich tun sollte, für dieses Gedankenkonstrukt eine Geschichte erfinden, die, so widersprüchlich es auch klingen mag, eben genau aus diesem Schwarz und Weiss besteht.
Claudia und Lina, oder alternativ, wenn man es, was ich hiermit ganz bewusst tue, ein klein wenig zu ernst und gleichzeitig nicht ernst genug nehmen möchte: Frau Präzisia Feinwerk und Frau Improvisa Frei, Frau Katalogia versus Frau Ach-das-passt-schon.
Und auch wenn wir die Schubladen, die wir für diesen Text, ich gebe es zu, mit einer gewissen Begeisterung hervorgezogen haben, eigentlich für einen kurzen Moment wieder zurück in den Korpus schieben sollten, muss ich, bevor man mich, und das nicht ganz zu Unrecht, an den Pranger stellt, noch kurz, und es ist mir ein grosses Anliegen, persönlich wie auch künstlerisch, etwas klarstellen: Frau A oder Frau B können nach Belieben auch durch Person A und Person B ersetzt werden.
Denn der Eierkocher, oder, etwas abstrakter betrachtet, das Ein-Ei-Eierkocher-Problem, ist universell auf jede Personengruppe übertragbar, sofern diese Personengruppe, und da spreche ich aus Erfahrung, überhaupt bereit ist, sich auf das Eierkocher-Paradoxon einzulassen.
Denn nichts ist schlimmer als ein Pseudophilosoph, zu denen ich mich, und das mit einem gewissen, vielleicht nicht ganz gerechtfertigten Stolz, dazuzähle, der, auch wenn wirklich niemand danach gefragt hat, ein Gedankenexperiment startet, und dann niemand, völlig verständlich, aber für den armen Initiator doch auch ein wenig ziellos, mitmachen will.
Also, Schublade, die wir ja eigentlich gar nicht öffnen wollten, auf und die Farbe aus, schliesslich denken wir jetzt, ob wir wollen oder nicht, in Schwarz und Weiss.
Claudia, oder, wie sie sich selbst vermutlich lieber nennen würde, Frau Präzisia Feinwerk, hätte den Eierkocher, noch bevor sie ihn überhaupt richtig angesehen hätte, innerlich bereits katalogisiert, ihm eine Funktion zugewiesen und sich vermutlich gefragt, warum es für ein einzelnes Ei kein separates Aufbewahrungssystem gibt. Lina hingegen hätte den Eierkocher wahrscheinlich einmal gedreht, zweimal geschüttelt, kurz überlegt, ob man darin auch etwas anderes als Eier zubereiten kann, und ihn dann entweder zweckentfremdet oder vergessen.
Denn Claudia besass nicht nur einen Eierkocher für ein Ei, sondern, und das überraschte niemanden, der sie kannte, auch einen für zwei, einen für drei und einen, den sie sich „für besondere Anlässe“ aufbewahrte. Lina hingegen besass keinen Eierkocher. Genau genommen besass sie nicht einmal zwingend Eier, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich welche wollte, was, wie sie selbst mit einer gewissen Gelassenheit zugab, ab und zu zu ganz anderen Problemen führte.
Also, bevor ich mich erneut in einem Nebensatz verliere, der, so schön er auch sein mag, uns doch wieder vom eigentlichen Thema wegführt, halte ich kurz inne und stelle, mehr oder weniger direkt, fest, worum es hier überhaupt geht: Um die merkwürdige, aber erstaunlich konsequent durchgezogene Eigenart mancher Menschen, für jede noch so kleine Tätigkeit ein eigenes Produkt zu besitzen und um jene, die sich dem, teils bewusst, teils aus schlichter Gleichgültigkeit, verweigern.
Aus Angst, irgendwann in eine Situation zu geraten, in der man für nichts das passende Werkzeug hat und dann, im schlimmsten Fall, einfach festzusitzen, entstehen jene Menschen, die sich für jede Eventualität ein eigenes Spezialgerät zulegen, im ganz speziellen Spezialfall dann eben auch ein Eierkocher für exakt ein Ei. Und auf der anderen Seite stehen jene, die teils gar kein passendes Werkzeug besitzen und eine Schraube eben mit einem 50-Cent-Stück lösen, nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern manchmal auch aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus. Und genau diese werden dann, je nach Perspektive, entweder als pragmatisch oder als schlicht zu faul bezeichnet, als Menschen, die sich zu schade sind, „professionell“ zu arbeiten, obwohl die Frage bleibt, was in diesem Zusammenhang überhaupt professionell heissen soll.
Die einen nennen das Vorsorge, die anderen Überfluss. Die einen nennen das Flexibilität, die anderen nennen es Improvisation. Und irgendwo dazwischen steht der Vorwurf, dass die einen sich zu sehr absichern und die anderen, wenn man es überspitzt sagen möchte, sich zu wenig kümmern, oder, etwas direkter formuliert, dass die einen alles kontrollieren wollen und die anderen sich zu schade sind, überhaupt erst in diese Form von Kontrolle einzusteigen.
Die einen wirken dabei wie jemand, der Sicherheit in der maximalen Absicherung sucht, als könnte man jede Unwägbarkeit des Lebens durch den richtigen Gegenstand im richtigen Fach verhindern. Die anderen hingegen wirken, je nach Blickwinkel, entweder beneidenswert unbeschwert oder schlicht nachlässig, als würde es ihnen egal sein, ob das richtige Werkzeug existiert oder nicht, solange sich irgendeine Lösung findet, sofern, und das ist bei dieser Phantasiegeschichte nicht ausser Acht zu lassen, überhaupt eine Lösung gefunden werden will.
Und genau zwischen diesen beiden Haltungen entsteht das eigentliche Spannungsfeld: Die Angst, etwas nicht vorbereitet zu haben, und die Bereitschaft, Dinge einfach mit dem zu lösen, was gerade da ist.
Am Ende bleibt weniger die Frage, welche der beiden Herangehensweisen die richtige ist, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass wir sie überhaupt so gerne, und oft auch sehr schnell, gegeneinander ausspielen. Als müsste jede Art zu handeln zwangsläufig eine bessere und eine schlechtere Seite haben, als gäbe es irgendwo eine Instanz, eine Art unsichtbare, aber erstaunlich verbindlich gedachte Regelbehörde, die festlegt, wie viele Werkzeuge man besitzen muss, bevor man als vernünftig gilt, und wie wenig noch als mutig oder gerade noch akzeptabel durchgeht.
Dabei wirkt beides nur auf den ersten Blick wie ein Gegensatz, denn im Kern geht es, wenn man etwas genauer hinschaut, in beiden Fällen um denselben Versuch, mit Unsicherheit umzugehen, nur eben mit unterschiedlich verteiltem Vertrauen in Planung, Zufall und das, was sich im Moment gerade noch so retten lässt.
Die einen versuchen sie zu bändigen, indem sie für jede mögliche Situation, und sei sie noch so unwahrscheinlich oder nur theoretisch denkbar, eine Lösung im Voraus bereithalten, sauber getrennt, beschriftet und griffbereit, als könnte man das Unvorhersehbare durch reine Ordnung und Systematik irgendwie entschärfen oder zumindest in handhabbare Kategorien pressen.
Die anderen lassen sie eher zu und bewegen sich mit dem, was gerade da ist, manchmal improvisierend, manchmal auch schlicht ohne grössere Absicherung, nicht weil ihnen die Situationen egal wären, sondern weil sie, oft aus Erfahrung oder auch aus einer gewissen Gelassenheit heraus, glauben, dass sich vieles im Moment selbst lösen lässt, wenn man nicht zu lange darüber nachdenkt, was theoretisch fehlen könnte oder fehlen müsste.
Und so stehen sich diese beiden Arten nicht unbedingt als Feindbilder gegenüber, auch wenn sie sich gegenseitig oft genau so wahrnehmen, sondern eher als zwei Versuche, Kontrolle herzustellen, der eine über Vorbereitung, Inventar und gedankliche Absicherung jeder Eventualität, der andere über Flexibilität, Improvisation und das Vertrauen darauf, dass sich Handlung im Tun selbst ergibt.
Beide reagieren letztlich auf dieselbe Unsicherheit, nur mit unterschiedlichen Mitteln und unterschiedlichen Zeitpunkten der Kontrolle, und beide tragen dabei ihre eigenen Übertreibungen mit sich: Die einen sammeln mehr Werkzeuge, als sie jemals sinnvoll benutzen werden, versehen sie mit Funktionen, die sie vermutlich nie brauchen, während die anderen manchmal auf genau das eine verzichten, das im entscheidenden Moment tatsächlich hilfreich gewesen wäre, nur weil es im Vorfeld nicht als notwendig erschien.
Manchmal sogar auf den Eierkocher
Und ich stehe nun wieder alleine vor der Elektromülltonne, den Single-Eierkocher anschauend, als wäre es mein eigenes Kind, und frage mich, ob zuerst das Huhn da war oder der Eierkocher, und ob es überhaupt eine Rolle spielt, solange am Ende irgendetwas dabei herauskommt, das sich irgendwie als Frühstück bezeichnen lässt, und wer ich eigentlich bin, um zu entscheiden, ob ein einziges Ei, ob im Single-Eierkocher oder in der Pfanne zubereitet, nicht auch als Frühstück gelten darf, denn am Anfang stand nur die Entscheidung, ob der Eierkocher weiterleben darf oder nicht, und nicht die Frage, was ein Frühstück überhaupt sein muss.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich diese beiden Denkweisen, wenn auch nur für einen kurzen Moment und eher zähneknirschend, wieder begegnen, weil selbst die strengste Kategorisierung irgendwann an ein Objekt wie diesen Eierkocher gerät, das sich weder sauber einordnen noch vollständig zweckentfremden lässt.
Hätte man den Eierkocher Frau Claudia gezeigt, hätte sie vermutlich gefragt, ob es auch ein Modell für halbe Eier gibt. Frau Lina hingegen hätte ihn wahrscheinlich als Teelichthalter getestet.
Am Ende habe ich den Eierkocher einfach weggeschmissen. Manchmal ist die radikalste Form der Kategorisierung eben nicht die Schublade, sondern die Mülltonne.

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- 2026-07-11 04:18:25