Hätten wir deinen Tod verhindern können?
Nach einem Suizid sagen einem viele, dass man sich nicht in “hätte, wäre, wenn”-Gedanken oder Selbstvorwürfen verlieren darf. Auf gar…
Hätten wir deinen Tod verhindern können?
Nach einem Suizid sagen einem viele, dass man sich nicht in “hätte, wäre, wenn”-Gedanken oder Selbstvorwürfen verlieren darf. Auf gar keinen Fall. Das sorgt nur für mehr Leid. Was aber, wenn es für mich zum Verarbeitungsprozess gehört, das GANZE Bild zu kennen?
Gestern habe ich etwas gemacht, von dem ich nicht weiß, ob es gut war. Ich habe an Papas Rechner einige Dinge für unsere Behördengänge heraussuchen müssen und dabei auf das Suchfeld bei Google geklickt. Sofort wurden mir seine letzten Suchanfragen vorgeschlagen.
Darunter die Fragen, wie man Abschiedsbriefe schreibt und ob die Pistole, die er an sich genommen hätte wirklich tödlich sei. Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen, habe es meiner Mutter gezeigt. Es hat uns erst einmal in ein dunkles Loch gerissen — aber dann haben wir gemeinsam entschieden, dass wir mehr wissen müssen. Wir haben in den Suchverlauf geschaut und herausgefunden, seit wann er welche Gedanken mit sich herumgetragen haben muss.
Zuerst war das furchtbar, denn natürlich hat es sofort die Fragen “hätten wir nichts merken müssen? Hätten wir es nicht vielleicht doch verhindern können?” in den Raum gestellt. Und diese quälen. Sie tun furchtbar weh.
Dann aber wurde ich ruhiger, weil die neuen Informationen einige Lücken schlossen und das Bild klarer machten. Mir ist jetzt bewusster, dass es keine verzweifelte Kurzschlusshandlung war. Ich habe mehr Hinweise darauf gesammelt, dass Papa diesen Weg wirklich gehen wollte. Und auch meine Mutter meinte: “Es tut zwar weh — aber es ist wichtig.”
Und damit sind neue Dämme gebrochen, was Trauer und Schmerz angeht.
Morgen ist mein Vater schon einen Monat lang tot. Durch all die Aufregung zu Beginn und auch dadurch, dass es so lange gedauert hat, bis wir Papas Körper noch einmal sehen konnten und uns verabschieden konnten, sind wir glaube ich etwas “hintendran” was den normalen Trauerprozess angeht.
Wir kommen erst jetzt so langsam bei den Gedanken an, dass es wirklich wahr ist. Und dass wir ihn wirklich nie wieder sehen. Nie wieder mit ihm verreisen. Nie wieder einen Osterhasen von ihm bekommen. All diese vielen kleinen Nie-Wieders lösen einen Weinkrampf nach dem anderen aus.
Ist das jetzt eine neue Phase? Chris Paul schreibt in ihrem Buch für Suizid-Hinterbliebende, dass man die Phasen eher wie ein Kaleidoskop betrachten soll — kein Hintereinander. Ein Nebeneinander, ein Überlagern, ein Gleichzeitig aber nicht gleich intensiv. Und im Moment überlagert die Traurigkeit so ziemlich alles andere. Das heißt nicht, dass es morgen nicht anders aussehen kann.
ERGÄNZUNG: In der Nacht nachdem ich diesen Text geschrieben hatte, habe ich intensiv geträumt. Ich habe erlebt, was passiert wäre, wenn Mama und ich Bescheid gewusst hätten.
Wir haben mit allen Mitteln versucht, Papa seine Suizid-Gedanken auszureden. Haben ihn überredet noch einmal alle Menschen zu sehen, die ihm lieb waren. Aber wir kamen nicht gegen das Dunkle an. Er sagte: “Ihr könnt mir die Waffe wegnehmen, aber dann finde ich eine andere Möglichkeit, die vermutlich schmerzhafter wird für mich.” Und so schrecklich es klingt: Dann haben wir sie ihm gelassen.
Zu wissen, was kommt und nichts tun zu können, war noch viel schlimmer als im Dunklen gelassen zu werden — das hat mir dieser Traum so klar vor Augen geführt. Und selbst die Möglichkeit sich zu verabschieden hat uns keine Erleichterung gebracht — weil jeder Abschied zu kurz war und doch nie die Dinge gesagt wurden, die wirklich wichtig gewesen wären.
메타데이터
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