Inflation voraus?
Müssen wir uns auf wiederkehrende Inflationswellen einstellen?
Inflation voraus?
Müssen wir uns auf wiederkehrende Inflationswellen einstellen?

Diese Illustration wurde mittels KI generiert (2025).
Steht Europa vor einer neuen Inflationswelle? Die Preissteigerungen in den letzten Jahren haben viele aufgeschreckt und bei manchen, Erinnerungen an die 1970er Jahre geweckt — eine Dekade, in der Inflation zur wirtschaftlichen Normalität wurde. Damals waren es Energiekrisen, geopolitische Spannungen und eine expansive Geldpolitik, die wiederkehrende Preisschübe auslösten. Heute drohen ähnliche Entwicklungen, wenn auch mit anderen Vorzeichen: eine alternde Gesellschaft, die Kosten der ökologischen Transformation und hohe Staatsverschuldung. Ist eine neue Inflationsepoche unvermeidlich, oder lassen sich die Fehler der Vergangenheit vermeiden? Bedrohen uns einzelne Inflationswellen oder vielmehr das Risiko einer chronischen Inflation?
Um diese Fragen zu beantworten, lohnt ein Blick zurück: Welche Mechanismen führten in den 1970ern zu Inflationswellen? Und wie unterscheidet sich die heutige Situation?
Die 1970er: Eine Zeit wiederkehrender Inflation
Die 1970er Jahre waren geprägt von massiven Preisanstiegen, angetrieben durch mehrere Faktoren:

Entwicklung der Inflationsraten in den 1970er Jahren vs. heute. Besonders sichtbar: die Preisschübe nach den beiden Ölkrisen (1973/74) u. (1979/80) und den jüngsten Krisen wie der Corona-Pandemie (2020/22) oder dem Ukraine-Krieg (ab Feb. 2022).
1. Die Ölpreiskrisen als Auslöser
1973 sorgte die erste Ölkrise für eine drastische Verteuerung von Energie. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) reduzierte die Fördermengen, die Preise vervielfachten sich. Doch dieser externe Schock war nur der Zündfunke in einem ohnehin labilen Umfeld: Viele westliche Zentralbanken hatten ihre Geldmengen zuvor stark ausgeweitet, um wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Die Folge war eine beschleunigte Inflation.
2. Die Lohn-Preis-Spirale
Steigende Preise ließen Gewerkschaften höhere Löhne fordern. Unternehmen gaben die steigenden Kosten wiederum an Verbraucher weiter, wodurch sich die Preisspirale immer weiter drehte.
3. Die wechselhafte Geldpolitik
Zentralbanken reagierten auf Inflation oft zögerlich oder inkonsequent. Restriktive Phasen wurden häufig von lockerer Geldpolitik abgelöst, um Rezessionen zu vermeiden. Diese “Stop-and-Go”-Strategie schürte Unsicherheiten und führte dazu, dass Inflationserwartungen dauerhaft hoch blieben.
4. Strukturelle Probleme
Neben den akuten Krisen gab es auch tiefere wirtschaftliche Schwächen:
- Zunehmende Staatsverschuldung und expansive Fiskalpolitik begünstigten die Inflation.
- Produktivitätsprobleme verhinderten, dass Unternehmen steigende Kosten effizient ausgleichen konnten.
- Globale Handelsverwerfungen führten zu Engpässen und Preisanstiegen.
Parallelen und Unterschiede zur heutigen Zeit
Oberflächlich betrachtet gibt es Parallelen zwischen den 1970er Jahren und heute. Doch entscheidende Unterschiede sprechen dafür, dass sich die Inflation anders entwickeln könnte.
1. Ursachen der Inflation
Die Ölkrisen der 1970er Jahre trafen die Wirtschaft plötzlich und unvorbereitet. Die heutigen Energieprobleme sind komplexer: Die Reduktion der Abhängigkeit von russischem Gas nach Beginn des Ukraine-Kriegs ist ein langfristiger Prozess über mehrere Jahre. Weitere Inflationsfaktoren sind die demografische Entwicklung, zunehmende Deglobalisierungstendenzen, die Importe teurer machen und die Kosten der ökologischen Transformation.
2. Aufgabenwandel bei Zentralbanken
In den 1970er Jahren konzentrierten sich die Zentralbanken hauptsächlich darauf, die Inflation zu bekämpfen. Heute, beeinflusst von den Erfahrungen der Finanzkrise 2008, haben sie zusätzlich die Aufgabe, die Finanzstabilität zu gewährleisten. Das bedeutet, dass sie mit dazu beitragen sollen, dass das Finanzsystem auch in Zeiten des Wandels und unter Stress reibungslos funktioniert. Dabei ist es wichtig, dass geldpolitische Maßnahmen diesem Ziel nicht entgegenstehen.
3. Staatsverschuldung
Die Staatsverschuldung in der Eurozone liegt heute deutlich über dem Niveau der 1970er Jahre. Seit der Gründung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Jahr 1998 sind die Schuldenquoten vieler Mitgliedstaaten erheblich gestiegen: In Griechenland um rund 55 Prozentpunkte auf 151,9 % (2024), in Frankreich um 49 Prozentpunkte auf 109,5 %, in Spanien um 46 Prozentpunkte auf 106,5 % und in Italien um 15 Prozentpunkte auf 140,6 %. Diese Zahlen reflektieren nicht nur die wirtschaftlichen Krisen der letzten Jahrzehnte — von der Finanzkrise 2008 über die Corona-Pandemie bis hin zu aktuellen globalen Herausforderungen –, sondern auch den wachsenden finanziellen Einfluss staatlicher Interventionen in Krisenzeiten. Die steigenden Schulden und die damit verbundene Zinslast könnten den Druck auf die EZB verstärken, an einer expansiven Geldpolitik festzuhalten, um die Finanzierbarkeit der Staaten in der Euro-Region sicherzustellen.
4. Inflationserwartungen
Während Inflationserwartungen in den 1970ern stark schwankten, sind sie heute stabiler. Laut Bundesbank-Analysen liegt der Median der Inflationserwartungen für die nächsten fünf Jahre bei rund 3 % pro Jahr. Dies könnte helfen, Inflationsschübe abzufedern.
Inflationswellen oder chronische Inflation?
Aktuell wird oft vor neuen Inflationswellen gewarnt. Doch ökonomische Schwankungen sind nicht nur bedrohlich, sondern können auch ein wirtschaftlicher Stabilisierungsmechanismus sein. Schon der Konjunkturforscher Nikolai Kondratieff (1892–1938) konnte zeigen, dass marktwirtschaftliche Wirtschaftssysteme nach Schocks mit Schwankungen auf ein neues Gleichgewicht zusteuern. Inflationäre Schwankungen könnten also ein wirtschaftlicher Anpassungsmechanismus auf dem Weg zu einem (inflationären) Gleichgewicht sein. Diese Idee verdeutlicht die untenstehende Abbildung.

Ein inflationäres Gleichgewicht ist dann erreicht wenn die Inflationserwartungen des Publikums mit der tatsächlichen Inflation übereinstimmen. Aktuell liegen die Inflationserwartungen der Privatpersonen, für die nächsten fünf Jahre bei ca. 3 Prozent pro Jahr. Diese Inflationserwartungen sind Grundlage für Lohnverhandlungen und langfrisitge Verträge, wie Kredit- oder Leasingverträge und finden auf diesem Weg Eingang in das Wirtschaftsgeschehen.
Abnehmende Schwingungen auf dem Weg zum Gleichgewicht können jedoch immer wieder durch neue Schockereignisse gestört werden, was das Erreichen des Gleichgewichts verzögert.
Das wesentliche Inflationsrisiko der nächsten Jahre liegt vermutlich weniger in einzelnen Inflationswellen, sondern eher in einer chronischen Inflation. Wenn steigende Staatsverschuldung die Geldpolitik mehr und mehr dominiert, droht ein kontinuierlicher Wertverlust des Geldes. Eine dauerhafte Finanzierung von Staatskrediten über die Notenpresse könnte Preissteigerungen institutionalisieren und den Reformwillen der Politik zunehmend lähmen. Die Inflation würde dann nicht in Wellen kommen und gehen, sondern sich festsetzen — mit tiefgreifenden Folgen für Ersparnisse, Investitionen und soziale Stabilität.
Fazit: Entscheidet sich Europa für den schwierigen oder den bequemen Weg?
Kurzfristige Inflationswellen sind nicht zwangsläufig ein Grund zur Sorge — sie können Teil eines marktwirtschaftlichen Anpassungsprozesses sein. Doch die eigentliche Gefahr liegt in einer chronischen Inflation, die aus fiskalischer Not heraus bewusst toleriert wird. Wenn die Politik nicht rechtzeitig gegensteuert und tragfähige Finanzstrukturen schafft, könnte sich Europa Stück für Stück in eine Phase permanenter Inflation bewegen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wirtschaftspolitische Verantwortung oder der kurzfristig bequemere Weg der fortgesetzten Geldentwertung gewählt wird.
📢 Was denken Sie? Erleben wir nur eine vorübergehende Phase der Inflation oder stehen wir vor einem strukturellen Wandel, der unsere Wirtschaftsordnung nachhaltig prägen wird? Teilen Sie Ihre Gedanken in den Kommentaren!
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