Befremdlich
Dein schmerzhafter Verrat in meinem Herzen - eine Kurzgeschichte
Eine Kurzgeschichte über Vertrauen, Grenzen und Bindungen in einer glamourösen Welt.

Schicke Kleider, teurer Champagner, edles Ambiente. Der pure Luxus beim Betreten der Yacht haut mich schier um. In meinem schlichten, schwarzen, knielangen Kleid fühle ich mich vollkommen fehl am Platz. Männer mit preisintensiven Anzügen und schmierigen Lächeln stehen breit auf dem Deck, mit Frauen in modernen Kleidern, die berechnend schauen. Überall wo ich hinschaue, fühle ich mich automatisch verloren. Laute Musik dröhnt durch die Lautsprecher im Saal, was das edle Parkett zum Vibrieren bringt. Ich weiß überhaupt nicht mehr, weshalb ich nochmal auf die „Celestial Abyss" gekommen bin. Allein der Name dieses schwimmenden Goldbarrens ist paradox. Himmlischer Abgrund. Wie kann ein Abgrund himmlisch sein?
Während ich mir noch Gedanken über den Namen des Schiffes mache, laufe ich zielstrebig zur Bar, um mir etwas zu trinken zu besorgen. Auf dem Weg dorthin spüre ich die Blicke auf mir, die meine Haut zum Brennen bringen. Sie starren mich an, weil ich nicht dazu gehöre. Ich komme nicht aus dieser High Society und ich werde auch niemals ein Teil von ihr werden. Mein Aufenthaltsgrund ist relativ simpel. Als Künstlerin verdiene ich mein Geld mit dem Malen von Kunstwerken, die sich Reiche dann in ihr Penthouse hängen oder - wie heute - eine Gala auf einer ihrer schicken Yachten veranstalten. Der Milliardär hat mich nur eingeladen, weil meine Werke an den Wänden zur Schau stehen.
An der Bar wird meine Bestellung mit einem abwertendem Blick aufgenommen. Nervös setze ich mich und versuche zu entspannen. Nur für diese Nacht. Danach kann ich zurück in meine Einzimmerwohnung auf die durchgelegene Couch mit meiner Jogginghose. Das Kleid raubt mir schon jetzt gefühlt meine Lungenkapazität. Plötzlich setzt sich eine Frau neben mich und bestellt auch etwas. Eigentlich wollte ich meine Ruhe haben, jedoch spüre ich den Blick der Frau auf mir, was das Ende meines Alleinseins einläutet. „Hallo. Sind Sie auch nicht von hier?", höre ich sie fragen. Verwundert hebe ich den Kopf und schaue sie an. „Wieso auch?", frage ich, während mein Blick sie eindringlich mustert. Ihre Augen strahlen eine ehrliche Freundlichkeit aus, die ich in solchen Kreisen nie erwarten würde. Außerdem wirkt ihr Auftreten zwar elegant, aber vollkommen anders als das der Menschen um uns herum. „Naja, ich bin nicht reich genug für diese Feier. Der Besitzer dieser Luxusyacht ist ein alter Bekannter von mir. Sonst wäre ich nicht hier. Man fühlt sich schon ziemlich anders bei solchen Events. Sie passen hier auch nicht so ganz ins Klientel, oder?" „Das stimmt. Fühlt sich an als wäre man ein minderwertiger Mensch, der von außen zuschaut. Wie ein Freak.", pflichte ich der Fremden lachend bei. Sie stimmt in mein Lachen ein. Kurz darauf kommen auch unsere Getränke und wir prosten uns zu.
„Es ist schön, mal einen normalen Menschen hier anzutreffen. Das ist mir ehrlich gesagt noch nie passiert.", meine ich offen und ehrlich. „Kommt darauf an, was man als normal definiert.", erwidert sie philosophisch, was mich zum Grinsen bringt. Ich genieße das Gespräch mit ihr. Wir können auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, abseits von Prunk und Macht.
Im Laufe unseres Gesprächs bewegt sich die Yacht irgendwann allmählich aus dem Hafen auf den Ozean. Es ist spektakulär, den sternenklaren Nachthimmel vom Außendeck zu betrachten. Dieser Anblick beschert mir eine Gänsehaut. Unser Gespräch wird erst durch die Rede des Gastgebers unterbrochen. Gespannt lauschen wir seinen Worten. Feierlich heißt er all seine Gäste willkommen und bittet mich dann sogar auf die Bühne zu kommen, um mich für meine künstlerische Meisterleistung zu loben. Der Applaus ist verhalten, doch das bin ich gewohnt. Mir wird heiß unter den Blicken der Superreichen, als würde ich ein Fieber in mir tragen. Sie alle betrachten meinen unperfekten Körper mit den hässlichen Narben. Ich bin froh, als ich die Bühne wieder verlassen kann. Auf dem Weg zurück zu meinem Platz tuscheln die Frauen über mich. Sie sehen bestimmt tausend Makel an mir.
„Wow, du bist ja doch prominent! Du hast also all die wundervollen Bilder gemalt. Das finde ich beeindruckend!", sagt meine neue Bekanntschaft von der Bar. „Danke", erwidere ich schüchtern und spiele nervös mit dem Glas in meinen Händen. „Aber das ist nur die Kunst der Reichen. Normalerweise male ich komplett andere Dinge mit weniger Gold und eher dunklen Kontrasten." Ich weiß nicht, weshalb ich so offen mit ihr darüber spreche, aber sie gibt mir das Gefühl komplett offen über alles reden zu können. Ihre Gesellschaft löst positive Emotionen in mir aus. Ich vertraue ihr. Sie ist wie ich. Sie scheint mich in dieser fremden Masse zu verstehen. Endlich bin ich nicht mehr die Außenseiterin. Ein Gefühl, was ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr hatte, vielleicht sogar noch nie.
„Ich möchte mir die Bilder noch einmal genauer ansehen. Mir gefallen die verspielten Striche mit den Gold- und Fliedertönen. Willst du mitkommen?", fragt sie mich, springt auf und reicht mir die Hand. Ich nehme sie und gemeinsam laufen wir zu den Bildern. Es überrascht mich zutiefst, wie lange wir vor jedem einzelnen Werk stehen und sie jedesmal jedes kleinste Detail studiert. Immer wieder stellt sie auch angeregt Fragen zu einzelnen Bildelementen. Noch nie habe ich mich so wertgeschätzt gefühlt in meinem Leben. Freude durchflutet meine Blutbahnen. Als wir am Ende angekommen sind fasse ich einen Entschluss, den ich so noch nie getroffen habe. Ich will ihr noch mehr von mir zeigen! Sie soll meine ‚wahre Seite' sehen.
„Ich würde dir gerne etwas zeigen, wenn das okay für dich ist. Folge mir.", sage ich sanft und führe sie mehrere Treppen hinunter, bis wir in einem weniger luxuriösen Teil des Schiffes angekommen sind. Die Luft riecht abgestanden und die Farbe blättert von der Wand ab, als wir den großen Lagerraum betreten. Es ist dunkel, eng und unübersichtlich. Man kann noch schwach die Klänge der Musik vom Oberdeck hören, dennoch fühlt sich dieser verborgene Part der Yacht wie eine komplett andere Welt an. Meine Welt.
Durch das Labyrinth der Güter führe ich sie zum Ende des Raumes und betätige den Lichtschalter an der Wand. Eine schwache Glühbirne baumelt von der Decke im Lagerraum und wirft Lichtstrahlen auf die Staffeleien an der Wand. Sie sind düster. Die Bilder zeigen blutige Momentaufnahmen von psychischen Abgründen. Verschwommene Aquarell und pechschwarze Ölkreide. Ich setze mich auf einen Stuhl und lehne meinen schweren Kopf an die Wand. Aus dem Augenwinkel betrachte ich die Frau im grünen Kleid.
Vorsichtig streift sie durch den Raum, betrachtet die Horrorszenarien. Mein Lieblingsbild ist das Bild mit dem Mädchen, welches sich mit einem Messer in den Bauch sticht, während sie an einem Strick vom Ast eines Baumes hängt. Ihre Augen sind leer, doch ihr Mund ist zu einem schrägen Grinsen verzogen. „Du hast das gemalt?", höre ich ein Flüstern von der Frau vor mir. „Ja. Sie stammen aus meinem Kopf. Es ist ein äußerst schwieriger Ort, wie man vielleicht sieht. Mit den Bildern verarbeite ich meine Emotionen und Erinnerungen.", erkläre ich ihr beiläufig. Danach stehe ich auf und trete zu ihr.
Sie hat eine Hand auf ihr Herz gelegt, während die andere auf ihrem Mund ruht. Tränen rinnen über ihre Wangen hinab und tropfen auf den dreckigen Boden. Langsam hebe ich meine Hand und will sie ihr auf die Schulter legen, um sie zu trösten, doch sie weicht einen Schritt zurück. Dann packt sie mein Handgelenk und blickt auf die Narben. Ich lasse sie gewähren.
Sie muss sehen, dass ich kein Monster bin. Sie muss verstehen, dass ich kein Monster bin.
„Das ist alles furchtbar." „Ich weiß.", pflichte ich ihr bei. „Nein, du verstehst es nicht. Du bist..." „Was bin ich?" „Du bist..." Angespannt schaue ich sie an. Nach welchem Wort sucht sie so lange?
„Du bist mir befremdlich."
Mit einem Schmerz in der Brust starre ich sie an. Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit. Die Frau lässt meine Hand los, greift nach einer rumliegenden Streichholzschachtel auf dem Tisch und nimmt eines heraus. Wie in Zeitlupe sehe ich dabei zu, wie sie ein Streichholz herausnimmt, es anzündet und dann auf das erste Kunstwerk fallen lässt. Innerhalb weniger Sekunden entzündet sich das Bild und steht in Flammen da. Ich bin vollkommen erstarrt, kann mich keinen Millimeter bewegen. „Es ist mir befremdlich. Das macht keinen Sinn.", sagt die Frau und zündet ein Bild nach dem anderen an. „So etwas darf nicht existieren."
Ich will sie aufhalten, ich will sie anschreien, aber ich kann nicht. Jegliches Blut entweicht meinem Körper und ich falle in mich zusammen. Sie hat meine gesamte Existenz ausgelöscht. Jemand wie ich, jemand wie ich. Dieser Jemand wird nie einen Platz der Anerkennung und Akzeptanz finden. Dafür gibt es keinen Ort auf der Welt. Ich bin dieser Welt fremd.
Jetzt laufen auch mir die Tränen übers Gesicht, doch in der steigenden Hitze des Feuers um mich herum versiegen diese gleich wieder. Ich habe gehofft, sie würde verstehen. Jemand wie sie war meine Hoffnung auf Besserung. Doch die Hoffnung ist gestorben.
Jeder weitere Atemzug fällt mir schwerer, da ich keine Luft mehr bekomme. Rauch flutet meine Lunge und brennt alles aus. Dann spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Verzweifelt versuche ich zu fokussieren und das Gesicht der lieben Frau fällt in mein Blickfeld.
„Du bist eine Fremde für mich. Ich kenne dich nicht. Ich erkenne dich nicht mehr. Du solltest hierbleiben bei deinen grausamen Gedanken und Gefühlen, die kein Mensch versteht. Denn hier unten gehörst du hin. Nicht da oben. Du bist kein Teil dieser Welt. Verbrenne am besten mit deinen Geschichten!"
Die Worten hallen noch lange in dem Raum nach, während sie schon längst wieder gegangen ist. Die Flammen verbrennen jeden Zentimeter meiner Haut. Meine Augen sind schon ganz rot von den Funken. Ich habe elendige Schmerzen und mir fehlt jegliche Kraft noch weiterzumachen. Mein einstiges Lieblingsbild fällt krachend auf den Boden und ich kann nur noch schemenhaft erkennen, wie die Augen des Mädchens von den züngelnden Flammen verschlungen werden.
Unbeständige Wut pulsiert durch meinen Körper. Dieses Mädchen hat so viele Qualen erleiden müsen, jeden verdammten Tag. Sie wurde zu Boden gestoßen, getreten, geschlagen, gehasst. Doch sie hat überlebt. Sie hat nicht verdient so behandelt zu werden. Nicht damals und auch nicht heute! Die Wut verleiht mir neue Kraft. Hustend und nach Luft japsend richte ich mich auf. Der Schmerz scheint mich fast wieder umkippen lassen, doch ich fokussiere mich auf meine Wut. Sie ist jetzt mein Antrieb. Das einzige Elixier, was mich jetzt noch am Leben lässt.
Humpelnd bewege ich mich zum Ausgang, greife nach dem Feuerlöscher neben der Tür, löse den Schlauch und ziehe die Sicherung hinaus. Danach betätige ich den Hebel und lösche stoßweise die riesigen Flammen, die sich vor mir auftürmen. Meine Arme und Beine sind komplett schwarz und offen. Verbrennungen dritten Grades schmücken nun meinen Körper. Als ich fertig bin, sacke ich an der Wand kraftlos zusammen. Schreiend liege ich da im ausgebrannten Kabinenraum. Die Musik von oben dröhnt wie ein Gewitter über meinem Kopf.
Die Bilder sind alle verbrannt. Die Werke meiner Seele liegen in der Asche ihres Feuers. Nichts ist mehr da. Sie hat es sich angesehen und mir dann genommen.
Entschlossen greife ich nach der Türklinke und bewege mich an der Wand den Gang entlang zur Treppe. Auf dem Weg nach oben muss ich mich kontinuierlich abstützen. Zwischendurch lege ich immer wieder Pausen ein, die von flehendem Wimmern und zitternden Gliedmaßen begleitet werden. Ich darf noch nicht sterben. Es gibt da noch etwas, was ich erledigen muss. Dafür nehme ich extra einen beschwerlichen Umweg auf mich, vorbei an der Küche, wo ich das größte und längste Messer, welches ich erblicken kann, mit auf meinen Weg nehme, sowie einen schwarzen Umhang, um meinen Körper zu verstecken. Zielstrebig stolpere ich die Treppe nach oben auf das Oberdeck. Frische Luft fährt mir durch die vertrockneten Haare.
Mir fällt es schwer meinen Blick zu fokussieren, doch nach wenigen Minuten erblicke ich zum Glück einen grünen Farbklecks an dem Außengeländer, etwas abseits von der eigentlichen Party. Schleichend bewege ich mich über die „Celestial Abyss" auf das Geländer zu. Beim Näherkommen werden die Konturen der Frau immer sichtbarer. Ich habe sie gefunden. Taumelnd pralle ich gegen das Geländer und befürchte kurz, über Deck zu gehen, doch zum Glück lässt mich mein Gleichgewichtssinn noch nicht im Stich. Die Frau neben mir zuckt merklich zusammen bei meinem chaotischen Auftreten und schaut mich wie einen Geist an.
„Wie...? Wie hast du es dort hinaus geschafft?? Du solltest dort unten verbrennen.", stammelt sie bestürzt vor sich hin. „Ich bin stärker als man denken mag.", erwidere ich atemlos mit kalter Stimme. Mit meiner rechten Hand greife ich in die Tasche des Umhangs und ziehe das Messer hervor. Daraufhin weiten sich die Augen meines Gegenübers merklich. „Hast du Angst vor mir? Angst vor der befremdlichen Seite in mir?", zische ich ihr ins Gesicht. „Nein. Deine Ansichten sind falsch." „Ach und woher willst du das wissen?" „Weil meine richtig sind. Was du empfindest, entspricht nicht der Wirklichkeit. Du bildest dir das alles nur ein." „Ich bilde mir gar nichts ein. Was ich mir all die Zeit eingebildet habe, ist die Erkenntnis, dass du ein Mensch bist, dem man lieber nicht seine innersten Geheimnisse anvertraut. Du würdest über Leichen gehen. Es ist dir egal, was mit mir passiert wäre! Dort unten. Du bist rücksichtslos und egoistisch!", schreie ich mit all meiner verbleibenden Kraft. „Du tust mir weh. Ich hätte dir niemals etwas angetan. Es verletzt mich, dass du so über mich denkst." „Was soll ich auch über jemanden denken, der meine Vergangenheit als unwürdig betrachtet und sie dann inklusive meiner Persönlichkeit zum Verbrennen schickt?!" „Das stimmt nicht." „Oh doch, das stimmt. Und ich hasse dich abgrundtief dafür." „Du urteilst ungerecht.", sagt sie mit lauter Stimme. „Ich erkenne dich nicht wieder. Deine Wut macht dich zu einer Fremden." „Für dich war ich schon davor eine Fremde. Soll ich dir zeigen, wie es sich anfühlt, so verstoßen zu werden?! Ich zeig es dir! Hab bloß keine Angst. Laut deiner Auffassung tut es ja auch nicht weh!"
Ich greife nach ihrem Handgelenk und halte die kühle Klinge des scharfen Messers an ihren Hals gedrückt. Eine Mischung aus Wut, Verständnislosigkeit und Angst blickt mir aus ihren Augen entgegen. Dann stoße ich zu und mit einem Schrei fliegt sie übers Geländer vom Deck und kommt auf der Wasseroberfläche auf. Ich sehe dabei zu, wie sie hilflos mit den Armen rudert und um Hilfe schreit. Die Feier ist in vollem Gange. Die Musik so laut, dass keiner sie hören kann. Das Schiff entfernt sich immer weiter von der Frau. Sie kann vielleicht schwimmen, aber diesen dunklen Ozean wird sie trotzdem nicht überleben.
Jetzt wird sie verstehen, wie sich ihre Worte angefühlt haben. Wie sich der tägliche Kampf ums Überleben die ganzen Jahrzehnte angefühlt hat. Mein ermüdender Kampf.
Ich habe sie verstoßen. Von der "Celestial Abyss", dem himmlischen Abgrund. Keinem hier wird ihre Abwesenheit auffallen. Am Ende ist sie in dieser Welt auch nur eine Fremde. Jetzt hat sie eine Kostprobe ihrer eigenen Medizin geschluckt, die sie mit ihrem eigenen Leben bezahlt hat.
Ich habe gelernt um mein Leben zu kämpfen. Um jeden Preis. Sie hat meine Grenzen überschritten.
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- 2026-07-24 17:51:13