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Die Alpen überqueren (in der Breite)

20. Episode des Podcasts Croissant Croissant

Manuel Doré · 2025-08-06 20:51 · 0 claps · 8.8 min read
#alpen #radtour #italien #schweiz
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Die Alpen überqueren (in der Breite)

  1. Episode des Podcasts Croissant Croissant

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Meine Freundin und ich werden ein paar Tage im Tessin verbringen. Wir haben ein Zimmer in einem Gästehaus oben über Lugano gebucht.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mit dem Fahrrad diese Strassen zu erkunden, die ich noch nicht kenne. Ich dachte mir, wenn schon, dann könnte ich auch gleich mit dem Velo hinfahren. Während meine Freundin mit einem Teil meines Gepäcks den Zug nimmt, werde ich mit so viel wie möglich in meinen Taschen auf dem Fahrrad unterwegs sein.

Die Hinfahrt ist 275 km lang. Das ist an einem Tag machbar, wenn ich früh starte. Am Samstag, 26. Juli, starte ich also gegen 3 Uhr morgens. Es ist 14 Grad, es regnet nicht, aber der Himmel ist bewölkt. Den Anfang der Strecke kenne ich sehr gut. Ich fahre nach Süden bis nach Thun, dann durch Interlaken, und komme nach Meiringen. Ich habe etwa 80 km zurückgelegt. Inzwischen ist es hell geworden, und in der letzten Stunde hat es leicht geregnet. Ich nutze die Pause, um meine Trinkflaschen aufzufüllen und ein Sandwich zu essen, bevor der erste Pass beginnt.

Ich mache mich wieder auf den Weg und fahre die kleine Steigung hinauf, die Meiringen von Innertkirchen trennt. Auf der anderen Seite wird mir klar: der Himmel ist tief. Der Wetterbericht von gestern sagte, dass es am Vormittag besser werden soll, aber ich habe wenig Hoffnung. Es ist 7 Uhr morgens, ich stehe am Fuss des Grimselpasses. Bis zum Gipfel sind es 25 km mit einer durchschnittlichen Steigung von 6 %. Das ist ein Pass, den ich besonders mag. Ich liebe diese langen Anstiege, und hier ändert sich die Landschaft ständig, es ist nie langweilig. In den letzten 7 km gibt es mehrere Seen. Das Wasser hat eine unglaubliche Farbe, so ein milchiges Grün, schwer zu beschreiben, aber wunderschön. Und je näher man dem Pass kommt, desto mehr wird man sich der grandiosen Landschaft bewusst, die man mit jedem Tritt in die Pedale immer mehr überblickt.

Ich beginne den Anstieg, und bald fängt es wieder an zu regnen. Diesmal ziehe ich meine Regenjacke an, weil ich merke, dass es länger dauern wird. Nach 12 km fahre ich an der Kraftwerksanlage Handeck vorbei. Dank der Stauseen weiter oben produziert sie Strom für mehr als eine Million Haushalte.

Bei km 16 komme ich zu einem Tunnel, der für Velos gesperrt ist. Ich muss also rechts eine kleine gepflasterte Strasse nehmen, das ist eigentlich die alte Passstrasse. Statt Verkehr habe ich hier meine Ruhe. Direkt unter mir rauscht die Aare, ein wilder Fluss an dieser Stelle. Nach etwas mehr als einem Kilometer geht es wieder zurück auf die Hauptstrasse. Es regnet stark, und ich bin inzwischen komplett durchnässt. Meine Regenjacke hilft nicht mehr gegen diesen Dauerregen. Ich schaue kaum noch auf die Landschaft, obwohl sie beeindruckend ist bei diesem Wetter. Ich fahre einfach weiter, geduldig, ohne Hoffnung, dass es bald besser wird.

Ich weiss, dass im Tessin das Wetter besser sein soll. Aber vorher muss ich zwei Pässe überqueren. Der erste ist fast geschafft, noch knapp eine Stunde bis zum Gipfel. Danach geht’s 17 km bergab. Dann kommt der Nufenenpass: 13 km bergauf bis auf 2478 m. Danach fahre ich wieder runter ins Tessin, wo ich auf Sonne und Wärme hoffe.

Diese Velotour ist geografisch etwas Besonderes : Ich überquere die Alpen. Von Bern im Norden fahre ich nach Lugano im Tessin, ganz im Süden. Es ist ein Kanton in der Schweiz, ist es aber durch die Alpen vom Rest des Landes getrennt. Es ist eine spezielle Situation : Die Amtssprache ist Italienisch, die Kultur ist ziemlich italienisch, aber die Politik, die Schulen, die Verwaltung: alles ist total schweizerisch.

Noch 3 km bis zum Gipfel, und ich beginne zu frieren. Es ist unter 10 Grad, und ich bin nass. Ich denke, die Abfahrt wird eiskalt. Endlich komme ich oben am Grimselpass an. Es ist etwa 9:30. Ich gehe sofort in das erste offene Restaurant, um mich aufzuwärmen. Ich bestelle einen Kaffee und einen Tee. Ich ziehe meine Sachen aus und merke : alles ist komplett nass. Die Regenjacke hat nichts gebracht. Mein erstes Ziel ist warm werden. In diesem Zustand kann ich unmöglich abfahren, ich würde unterkühlen. Es sind 7 bis 8 Grad, es regnet weiter, und Besserung ist nicht in Sicht. Ich bleibe eine Weile im Restaurant, trinke noch einen Tee, esse Brot mit Konfitüre und beschliesse, auf den Bus zu warten, um in das Tal runterzufahren.

In der Schweiz gibt es die sogenannten Postautos. Das sind Busse, die auch in abgelegene Gegenden fahren, wo keine Züge hinkommen, vor allem in den Bergen. Sie sind eine echte Institution. Man erkennt sie an der gelben Farbe. Und ganz speziell ist das Horn: Es besteht aus drei Tönen, und die Fahrende nutzen es gerne bei engen oder gefährlichen Stellen.

Um 10:51 verlade ich mein Velo in den Kofferraum eines Postautos, das vom Pass zur nächsten Bahnstation fährt, 13 km talwärts. Ich bin sehr froh, dass ich nicht selber runterfahren muss. Auf dieser Seite ist das Wetter nicht besser.

Als ich aus dem Bus steige, bin ich erleichtert: Es ist etwa 15 Grad, und es regnet nicht mehr. Ich fahre weiter Richtung Brig, das 40 km entfernt ist. Ich fahre durch Ulrichen, das am Fusse des Nufenenpasses liegt. Oben ist das Wetter bestimmt genauso schlecht wie am Grimsel, vielleicht sogar noch kälter. Ich bin nicht gut genug ausgerüstet, um heute bei diesem Wetter auf über 2400 m zu fahren.

Ich bleibe also im Tal. Hier ist das Oberwallis, und man spricht Walliserdeutsch , ein spezieller Dialekt. Die Serie Tschugger spielt übrigens hier. Eine lustige Polizeiserie, auf Netflix könnt ihr sehen, wie es hier aussieht und wie die Leute ticken. Kurz vor Brig sehe ich sogar ein Fake-Polizeiauto im US-Stil, ganz im Stil der Serie.

Von Brig nehme ich den Zug nach Domodossola, das liegt hinter der Grenze. Eigentlich war das nicht geplant, aber jetzt bin ich in Italien. So kann ich die hohen Berge umgehen und trotzdem zu meinem Ziel kommen. In Italien bleiben noch 70 km. Ich nehme eine Fähre über den Lago Maggiore. Ein traumhafter See, ganz schmal, mit schöner Aussicht auf die Berge auf beiden Seiten. Die Überfahrt dauert weniger als 30 Minuten. Eineinhalb Stunden später bin ich in Astano, meinem Ziel, oberhalb von Lugano.

Auch wenn ich die Route anpassen und verkürzen musste, ich bin sehr zufrieden mit dem Tag. Es war ein kleines Abenteuer, spontan den Plan zu ändern, die Grenze mehrmals zu überqueren, drei verschiedene Transportmittel zu nutzen, plus Velo. Und ich bin trotzdem 230 km gefahren, mit über 3000 Höhenmeternuntershied.

Zwei Tage später steige ich wieder aufs Velo. Ich möchte zur Madonna del Ghisallo fahren. Hin und zurück sind das ungefähr 160 km. Das wird ein schöner Tag zwischen der Schweiz und Italien. Ich fahre zuerst entlang dem Luganersee. Es ist wunderschön, und ich bin sehr dankbar, dass ich das, was ich liebe, in so einer Umgebung machen kann. Die Seenregion im Norden Italiens und im Süden der Schweiz ist wirklich besonders, es gibt den Lago Maggiore, den lago di Como und den lago di Lugano. Alle drei liegen direkt an der Grenze.

Nach etwa 40 km überquere ich die Grenze in Chiasso. 5 Kilometer später bin ich in Como. Es ist 11 Uhr morgens, und ich hätte Lust auf ein zweites Frühstück. Ich habe ein Café gefunden, das vegane Croissants anbietet. Es liegt in der Altstadt, es hat viele Touristen, aber ich finde einen Platz auf der Terrasse, wo ich mein Velo im Blick habe. Ich bestelle einen doppelten Espresso, einen Orangensaft und zwei vegane Croissants. In Italien kann man „Croissant-Croissant“ einfach so sagen, oder auch „Cornetto-Cornetto“ oder „Brioche-Brioche“. Leider sind sie in diesem Café nicht besonders gut. Nicht schlimm, aber es sind keine echten Croissants.

Ich fahre weiter. Nach 35 km erreiche ich die Madonna del Ghisallo. Das ist eine kleine Kapelle oben auf dem Ghisallo-Pass, 500 m über dem Lago di Como. Der „Giro di Lombardia“, ein wichtiges Rennen am Ende der Profisaison, fährt über diesen Pass.

Diese Kapelle ist eine echte Besonderheit, denn sie ist den Radfahrende gewidmet. Drinnen gibt es viele Erinnerungsstücke, zum beispiel ein Velo von Eddy Merckx, oder ein Trikot von Elisa Longo Borghini. Auch ein Trikot von Gino Mäder ist da. Er ist am 16. Juni 2023 gestorben, nach einem Sturz bei der Abfahrt vom Albulapass während der Tour de Suisse. Es gibt auch das Rad von Fabio Casartelli, der 1995 bei der Tour de France am Col du Portet d’Aspet tödlich verunglückt ist.

Die Kapelle ist klein, und jeder Platz an der Wand ist voll, überall hängen Velos, Trikots und andere Erinnerungen.

Nach dieser Pause fahre ich weiter, runter nach Bellagio, und dann am Lago di Como entlang Richtung Süden. Und es ist einfach wunderschön. Es gibt viele Aussichtspunkte auf den See, und auf die Dörfer am Hang und direkt am Wasser.

Wieder ein wunderbarer Tag. Ich liebe das Velofahren. Aber wenn es zusätzlich schöne Landschaften gibt, eine sportliche oder sprachliche Herausforderung (denn ich spreche kein Italienisch), oder etwas Kultur, dann macht das alles noch besser. Es wird richtig komplett.

Drei Tage später ist es Zeit für die Rückfahrt nach Bern. Natürlich möchte ich wieder mit dem Velo zurückfahren, zumindest einen grossen Teil. Ich werde von Astano mit dem Velo abfahren. Und nach dem Überqueren der Alpen werde ich den Zug ab Innertkirchen nehmen. Die letzten 90 km kenne ich zu gut, da fahre ich lieber mit dem Zug und bin etwas früher zu Hause. Es sind trotzdem 200 km und 3500 Höhenmeteruntershied geplant.

Von Astano fahre ich zuerst hinunter zum Lago Maggiore und folge dem See 25 km lang. Im Licht des frühen Morgens ist es wunderschön. Gegen 7:30 komme ich in Bellinzona an und kaufe genug Essen für den Tag. In einem Coop finde ich zwei Schoggibrötli, ein Bretzel-Sandwich mit Vuna, eins mit veganem Schnitzel und eine Packung Bonbon. Mit meinen Müsliriegeln zusammen sollte das reichen.

50 Minuten später bin ich in Biasca. Hier teilt sich das Tal : rechts geht es zum Lukmanierpass, links zum Nufenenpass und zum Gotthardpass. Ich nehme die linke Route. Bisher war es flach, aber jetzt beginnt der Anstieg. Gegen 11:30, nach 115 km, erreiche ich Airolo. Am Fuss des ersten Passes des Tages. Ich freue mich. Das Wetter ist perfekt. Ich bin den Gotthardpass erst einmal gefahren, vor vier Jahren.

Der Pass ist 13 km lang, mit einer durchschnittlichen Steigung von 7 %. Die ersten 5 km fahre ich auf Asphalt. Dann beginnt das Besondere : Die letzten 7 km sind gepflastert, das ist die Tremola, eine legendäre Strasse. Eine Mischung aus den Serpentinen vom Stilfserjoch und dem Kopfsteinpflaster von Roubaix. Die Strasse ist in sehr gutem Zustand. Weil ich langsam bergauf fahre, stören die Vibrationen kaum, es bleibt bequem. Ich halte oft an, um zu filmen, Fotos zu machen oder einfach die Aussicht auf die vielen Kurven unter mir zu geniessen. Es gibt viele Radfahrende unterwegs, und alle scheinen diesen Moment zu schätzen.

Oben trifft man wieder die Autofahrende, die den normalen Asphaltweg genommen haben. Unter dem Gotthard gibt es übrigens auch einen Strassentunnel und einen Eisenbahntunnel. Wir befinden uns hier wirklich an einem strategischen Punkt für die Überquerung der Alpen in die Schweiz.

Ich fahre weiter bergab ins Tal, nach Hospental. Am Dorfeingang könnte ich geradeaus nach Andermatt fahren, aber ich biege noch ein mal links ab zum zweiten Pass des Tages : der Furkapass. Von Hospental bis Realp, dem Fuss des Passes, sind es etwa 5 flache Kilometer. Ich fahre im Lenkeraufsätze und kann schon das Ende des Tals und die Passstrasse hoch oben sehen.

Ich bin richtig aufgeregt, das ist die berühmte James-Bond-Strasse aus Goldfinger. Ich fahre durch Realp, und der Anstieg beginnt. 12 km mit 7 % im Schnitt bis zum Gipfel. Ich mochte früher den anderen Anstieg lieber, aber heute freue ich mich über diese Seite. Die ersten 5 km hat man immer eine tolle Aussicht auf Realp und das Urserental. Danach ist die Strasse eher gerade, man sieht den Pass schon von weit weg.

Wenn ich dort oben ankomme, herrscht ziemlich viel Verkehr, Autos, die ankommen oder abfahren. Das ist oft so bei Schweizer Pässen. Ich persönlich fühle mich sicher, auch mit Autos oder Motorrädern um mich herum. Aber manchmal, wenn es plötzlich ruhig wird und keine Motoren mehr zu hören sind, ist das überraschend still. Heute habe ich sogar einen Porsche-Stau gesehen, eine deutsche Gruppe wollte zusammen fahren, aber jeder in seinem Auto. Also haben sie auf der Strasse gewartet, bis der „Anführer“ wieder vorne war.

Ich beginne die Abfahrt, und es macht richtig Spass. Die Bedingungen sind perfekt, die Strasse ist trocken, es weht kein Wind und der Belag auf dieser Strasse ist perfekt. Ich passiere das berühmte Hotel Belvédère und den Rhonegletscher, fahre Haarnadelkurven mit einer herrlichen Aussicht auf das Tal. Ich bin etwas vom Verkehr gebremst, aber nach weniger als 15 Minuten und 10 km bin ich unten, und schon am nächsten Pass.

Das ist noch der Grimselpass, vor fünf Tagen war es hier kalt und nass. Heute ist alles anders: das Wetter ist top, und dieser Anstieg ist von hier aus nur 5 km lang, statt 25 von der anderen Seite. Ich fahre entspannt hoch und schaue immer wieder auf die tolle Strasse des Furkapasses gegenüber. Oben angekommen geht es direkt runter. Von hier sieht man die Seen, die Staudämme, und weiter unten den engen Durchgang, durch den es ins Tal geht. Ich fahre hinunter bis nach Innertkirchen, dort komme ich gegen 16:30 an und nehme den Zug zurück nach Bern.


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