Die Symmetrie von Politik und Verbrechen
Kapitel 57 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
Die Symmetrie von Politik und Verbrechen
Kapitel 57 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Weltmann in der rheinischen Provinz: “Hemd aus New York, Pullover aus Schottland, Pfeife aus London, ein bisschen Hamburg, ein bisschen Berlin und ganz viel Übersee” — WM 1965 in den provisorischen Kölner Büroräumen des WDR-Fernsehspiels, imaginiert von ChatGPT und Image Generator
Vom Judenhass zur Ausländerfeindlichkeit
Am 18. Januar 1966 sendet die ARD Der Mitbürger. Das Fernsehspiel verbindet ein alltägliches Verbrechen mit epochaler Politik. Für WM bedeutet das einen Neubeginn. Sein Drehbuch lässt den ermittelnden jungen Beamten gegen alle Widerstände handeln: Weil er keine Unterschiede zwischen jüdischen und nicht-jüdischen „Mitbürgern“ machen will, verhaftet er den verdächtigen jüdischen Arzt. Dann jedoch stellt sich dessen Unschuld heraus: Die Tote hat auf Drängen ihrer Eltern und mit deren Hilfe abgetrieben, weil es sich bei dem Kindsvater um einen verachteten italienischen „Gastarbeiter“ handelt. Die Bundesdeutschen denken und handeln keinen Deut aufgeklärter als vor ihnen die Großdeutschen.
Die Reaktionen auf das von Rainer Wolffhardt inszenierte Fernsehspiel sind überwiegend positiv. In WMs Nachlass finden sich mehrere Kritiken, die aus Zeitungen und Zeitschriften ausgeschnitten wurden. Die Quellen lassen sich zumeist nicht erkennen.
„Die Geschichte eines verbotenen Eingriffs, in die ein jüdischer Arzt verwickelt ist — was will man mehr“, schreibt etwa „E.J.“ in seinem „Tagebuch eines Fernsehers“: „Die eigentliche These des Stückes ist, dass der geschäftige Antisemitismus des Jahres 1938 heutzutage einem ebenso geschäftigen Philosemitismus gewichen ist. Die ‚armen Juden‘, sagt man und meint sein eigenes schlechtes Gewissen. Der Betroffene selbst, mit falschem Mitleid ringsum bedacht, dankt am Ende dem jungen Beamten dafür, dass er als einziger mit ihm ‚wie mit einem gewöhnlichen Menschen‘ umgegangen ist. Der hatte genug an ‚Sonderbehandlung‘.“
„TT“ konzentriert sich dagegen unter der Überschrift „Heikler Paragraf 218“ auf die Problematik des Abtreibungsverbots und lobt die darstellerischen Leistungen: „Durchweg gute Besetzungen sorgten nicht nur vom Sujet, sondern auch von den schauspielerischen Leistungen her für die beabsichtigte Spannung.“
„K.H.“ hebt die Qualität des Drehbuchs hervor: „Wolfgang Menge verfügt über die Gabe, natürliche Dialoge zu schreiben und, ohne zeigefingrig zu werden, auf missliche Zustände im Nachkriegs-Deutschland aufmerksam zu machen. Wir wollen mit Beifall dafür nicht sparen.“
Die Kritik der Stuttgarter Zeitung betont die didaktische Ausrichtung: „Ein Lehrstück, wenn auch keineswegs im Sinne Brechts, aber durchaus akzeptabel als Unterrichtsstunde. Die mit den Mitteln des Kriminalspiels erteilte Lektion hielt den Zuschauer am Bildschirm. Einige Längen wurden hingenommen — Aufklärung ist nun einmal keine dramatische Sache.“
Ana Lina Dux schließlich urteilt aus der Perspektive des frühen 21. Jahrhunderts: „Das Aufklären [des Falles] wird zum Mittel gegen xenophobe und antisemitische Vorurteile und zum gezielten Handlungsversuch gegen die Mechanismen der Verdrängung im Nachkriegsdeutschland der 1960er Jahre.“
Das Wechselspiel von Politik und Verbrechen
Mit Der Mitbürger ist WM ein entscheidender Wechsel gelungen — von Alltagskriminalität, die entweder unpolitisch ist oder deren politische Dimension nicht behandelt wird, weil das Ziel vor allem spannende Unterhaltung ist, zur politischen Hinterfragung dessen, was als Recht und Gesetz gilt: Wie ‚berechtigt‘ ist der Paragraf 218? Wie vorurteilsfrei operieren Polizei und Justiz?
Der enge Zusammenhang der scheinbar entfernten Welten von Verbrechen und Politik steht seit der Kapitulation Nazi-Deutschlands zur Diskussion — seit den Kriegsverbrecher-Tribunalen der Alliierten und den bundesdeutschen Prozessen gegen die Verantwortlichen für den Massenmord an den Juden Europas und anderen Minderheiten. Um die Zeit, als WM für die Fernsehspielredaktionen von SDR und WDR zu arbeiten beginnt, veröffentlicht Hans Magnus Enzensberger eine vielbeachtete Essay-Sammlung. Unter dem sprechenden Titel Politik und Verbrechen untersucht er so diverse historische Ereignisse wie den russischen Anarchismus und die Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewiken, den Aufstieg Al Capones in Chicago und den der Camorra in Süditalien, die Diktatur Rafael Trujillos in der Dominikanischen Republik und die einzige Hinrichtung eines amerikanischen Deserteurs während des Zweiten Weltkriegs.
Gemeinsam sei diesen Essays, lobt Jürgen Habermas in einer Rezension, die gelungene Darstellung „der Symmetrie legaler und illegaler Handlungen, der Inversion von Verbrechen und bürgerlich reputierlichem Erfolg“.

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version
Ob WM diese Aufsätze oder Habermas’ Rezension gelesen hat, ist unbekannt. Die Spiegelung des Politischen im Kriminellen und des Kriminellen im Politischen wird jedenfalls ein zentrales Thema seiner frühen Fernsehspiele. Gleich das nächste Drehbuch, das er nach Der Mitbürger verfasst, analysiert und gestaltet erneut diesen Zusammenhang, wenn auch in einem ganz anderen Kontext: dem der deutschen Teilung. Die Gelegenheit ergibt sich aus einer Einladung nach Köln. Der neue Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel des WDR möchte sich mit WM treffen.
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Günter Rohrbach, Jahrgang 1928, vier Jahre jünger als WM, ist ungemein gebildet, aber als Fernsehmacher noch vergleichsweise unerfahren. Nach einer literaturwissenschaftlichen Promotion, die er in dem Jahr abschloss, als WM mit Stahlnetz begann, arbeitete er als Gerichtsreporter. Danach produzierte er eine Fernsehdokumentation über Kriegsfilme. Seit 1961 ist er beim WDR angestellt. Zunächst assistierte er dem Programmdirektor, dann leitete er einen Planungsstab, der die Einführung des dritten Fernsehprogramms vorbereitete. Nun, da dessen Start bevorsteht, soll er die Fernsehspielredaktion des größten bundesdeutschen Senders modernisieren.
Rohrbach tritt mit großen Plänen an. Wie die Oberhausener, wie WM und so viele andere hat er erkannt, dass „Papas Kino“ am Ende ist. Aber noch stellt das Fernsehspiel keine wirkliche Konkurrenz für das Kino dar. Das Wandeln auf etablierten Theater-Pfaden beendet Rohrbach. Sein Motto lautet: „Fernsehen ist Film.“ Im kommenden Jahrzehnt wird er so das WDR-Fernsehspiel neuerschaffen — und zugleich den deutschen Film.
Für diesen Aufbruch sucht er Leute. Er findet Redakteure wie Peter Märthesheimer und Gunther Witte, Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Wim Wenders und Wolfgang Petersen. Und natürlich Männer und Frauen, die Funkelnagelneues schreiben können — Filme und Fernsehspiele, wie es sie noch nicht gibt. Sein „erster Autor“ wird WM, rühmt Rohrbach im Rückblick. An ihre Begegnung erinnert er sich genau:
„Wir hatten damals noch gar keine richtigen Büros. Der WDR hatte alles schnell angemietet, das waren eigentlich Wohnungen, absolut spießige Wohnungen, schrecklich, abscheulich. Da stand also ein Sofa. Wolfgang Menge saß in der Mitte, ich ihm gegenüber. Auch Gunter Witte saß dabei. Und da gewann ich diesen Eindruck: Dieser Mensch, der da in unsere Kölner Provinz hineinkam, besaß eine Ausstrahlung!“
Wie vor ihm andere — Sefton Delmers, Wilhelm Schulze, Albin Stuebs, Reinhart Müller-Freienfels — erkennt Rohrbach auf Anhieb WMs außergewöhnliche Persönlichkeit und Qualitäten.
Ein Mann von Welt auf einem Sofa in der rheinischen Provinz
„Er sah, wie ich fand, verdammt gut aus und verströmte eine weltmännische, mein Vorurteil über den Habitus von Drehbuchautoren lebhaft dementierende Lässigkeit. Er imponierte mir gewaltig. Das hatte zunächst weniger mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten zu tun, die ich ohnehin kaum kannte, sondern mit der Art, wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er blitzschnell reagierte mit jenem angelsächsischen Witz, den er sich auf weiten Reisen antrainiert hatte. Da saß er in unserem spießigen Anstaltsbüro, in dieser rheinischen Provinz, der Mann von Welt, das Hemd aus New York, der Pullover aus Schottland, die Pfeife aus London, ein bisschen Hamburg, ein bisschen Berlin und ganz viel Übersee. Was auch immer der spätere Menge an Kauzigkeiten produzierte, der junge war granatenmäßig cool. Und wen der alles kannte! In leichtem Parlando und mit geschickter Beiläufigkeit ließ er eine Prominentenriege aufmarschieren, die einen, der gerade mal den Bonner General-Anzeiger von innen gesehen hatte, ganz schön einschüchtern konnte. Aber es gab einem auch das erhebende Gefühl, von jetzt an würde man dazugehören.“
WM ist beim WDR der richtige Mann zur richtigen Zeit. Denn seine Interessen decken sich mit denen des neuen Leiters der Hauptabteilung Fernsehspiel:
„Es war eine Pionierzeit, und wir sahen auf der anderen Seite das Kino, das zu dieser Zeit in Deutschland gerade auf seinem Tiefpunkt angelangt war“, hat sich Rohrbach einmal erinnert: „Damit wollten wir nichts zu tun haben. Wir wollten etwas ganz Anderes machen mit diesem neuen Medium, und dafür war Menge der ideale Autor. Das war wie ein Geschenk, dass wir plötzlich jemanden gefunden hatten, der das selbst auch so sah und wollte und der das dann in Geschichten und Drehbücher umsetzen konnte.“
WM schätzt die Begegnung im Rückblick nicht anders ein:
„Beim WDR waren Günter Rohrbach, Peter Märthesheimer, Gunther Witte. Das waren Leute, die mich bestärkt haben. Wir waren einfach ein fabelhaftes Team, das war unglaublich anregend und intelligent. Da konnte ich ganz anders arbeiten als beim Film. Und mehr Zuschauer hatten wir auch.“
Als erstes Thema für ein Fernsehspiel einigen sich WM und Rohrbach auf eine hochaktuelle Verbindung von Verbrechen und Politik: den Gerichtsprozess gegen einen scharf schießenden DDR-Grenzsoldaten.
***
Vorheriges Kapitel: 56 Das Ende der Nachkriegszeit — kurz vertagt
Nächstes Kapitel: **58 Deutsch-Deutsche Grenzsituationen**
Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

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