Wie ich am Beschreiben von Zerbrechlichkeit scheiterte
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Wie ich am Beschreiben der Zerbrechlichkeit scheiterte
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Über den Umgang im Journalismus mit postkonventionellen, schillernden Ideen.
Ich habe eine Reportage über einen psilocybingestützten Coaching-Kurs verfasst. Ich folge darin drei Teilnehmenden je in ihren Ich-Raum und beschreibe ihn. »Mark« (Namen sind alle geändert) sieht die Welt eher rational-funktional, bei »Juri« fokussiere ich auf sein Selbstverständnis als Unternehmer, bei »Inga« auf eine kindliche Bindungswunde, die sie in ihrem Job blockiert.
Bei allen drei zeigen sich für die Kürze der Zeit interessante Entwicklungen. »Mark« reduziert seinen Ressourcenverbrauch. »Juri« orientiert sich etwas stärker in Richtung Gemeinwohl, »Inga« findet den Zugang zur Liebe ihrer Mutter wieder und lernt dadurch langsam, ihre Angst vor Ablehnung mehr zuzulassen und bewusst zu fühlen.
In den Sequenzen, wo ich die Protagonist*innen in ihre Ich-Räume begleite, ist es mir leicht gefallen, ihre inneren Vorgängen zu beschreiben. Ihre Sorgen und Nöte; ihre Motive bei dem Coaching mitzumachen; ihre autobiografischen Erzählungen, aus denen sie ihre Identität konstruieren; ihre inneren Bilder und tieferen Emotionen auf den Trips, Ängste, Ohnmachts-, Einheitsgefühle; erste zarte Ansätze ihrer inneren Entwicklung.
In den Sequenzen, in denen ich als Erzählender selbst über den Kurs berichte, habe ich mich dagegen oft schwergetan, eine angemessen feinfühlige Sprache zu wählen. Das macht den, wie ich finde sehr facettenreichen und konstruktiven Text nicht gleich zum Verriss, aber es erzeugt ein Störgefühl, das so nicht intendiert war. Zwei Beispiele:
Ich beschreibe, erstens, im Einstieg das Setting der psychedelischen Zeremonie und führe die Protagonist*innen ein. In diesem Abschnitt kommen Wörter wie »Salzkristalle«, »Yoga-Kissen« und »Menschenkreis« vor.
Das sind erst einmal nur Beschreibungen, so sah die Zeremonie eben aus. Gleichzeitig sind solche Wörter semantisch so aufgeladen, dass schon ihre Erwähnung bei vielen Assoziationen wie »Ach, die Hippies«, »Ach, die Esos« wecken dürfte.
Verstärkt wird dieser Zungenschlag, zweitens, durch die Beschreibung der Retreat-Übungen, die unter anderem »Ecstatic Dance«, assoziatives Malen und eine buddhistische Grounding-Meditation umfassten, bei der man sich vorstellen sollte, dass einem Wurzeln aus dem Gesäß wachsen. Oder einen Bohmschen Dialog — mit einer »Sprechschildkröte« statt des typischen Redestabs.
Auf Menschen, die mit solchen Übungen und Ritualen kaum Erfahrung haben, dürfte all das ziemlich befremdlich wirken. Und in der Audience dürften das ziemlich viele sein. Entsprechend schildere ich diese Sequenzen durch »Marks« Brille. Ergänzt um einige Erklärungen der Retreat-Leitung, was solche Übungen bewirken sollen. Im Kern meist: mehr Kontakt mit sich selbst, eine feinere Innenwahrnehmung.
Hängen bleibt aber wohl auch hier wieder nur bei vielen: »Haha, Eso«.
Lieber andere zu Esos machen als selbst so rüberkommen
Es ist klar, dass ich solche Passagen noch so präzise und ausgewogen hätte aufschrieben können und dass viele Lesende sie dennoch einfach nur durch den Filter ihrer Vorurteile laufen lassen dürften. (Ein Blick in die Kommentarspalte unter der Reportage verdeutlicht das.) Das ist die Rezipient*innen-Seite, das sind psychische Systeme, über die ich kaum Einfluss habe.
Ich will mich damit aber nicht herausreden. Denn es gibt ja auch noch die Absenderseite: also mich. Und ich sehe es prinzipiell nicht als meinen Job an, Stereotype zu zementieren. Konventionen, was Sagbar ist und was wie gesehen wird, unreflektiert zu wiederholen.
Habe ich aber in dem Fall, zumindest unterschwellig.
Die Unternehmer*innen, über die ich schreibe, traf das. Die fühlten sich platt in die »Eso-Ecke« gedrängt, wo sie sich selbst nicht sehen. Artefakte wie Yoga-Kissen oder Salzkristalle sind aus ihrer Sicht bewusst gewählte Deko-Elemente, die eine Atmosphäre von Behaglichkeit und Hygge schaffen sollen. Und durch Yin Yoga oder Ausdruckstanz sollen die Teilnehmenden vor allem in ihren Körper kommen, mehr in sich hineinspüren.
Insgesamt tue man viel dafür, dass psychologische Sicherheit entstehen könne — damit es zumindest für manche der Teilnehmenden vielleicht etwas leichter wird, sich zu entspannen, fallenzulassen, tiefer aufzumachen.
Vieles davon wird im Text erwähnt – und kommt doch zu kurz. Es bleibt eher die Eso-Semantik hängen als das Bemühen der Coaches um geschützte Räume, die mehr Zerbrechlichkeit zulassen. Die Signifikanten der Salzkristalle und Wurzelmeditationen überstrahlen das, worum es der Firma eigentlich geht.
Ich habe das beim Schreiben nicht aufgelöst bekommen. Es gab Formulierungsversuche, die ich aber wieder verworfen habe. Und ich glaube, die haben viel mit meinem und auch dem allgemeinen journalistischen Rollenverständnis zu tun.
Meine Hauptsorge war, glaube ich, dass man mir fehlende journalistische Distanz vorwirft, wenn ich in meinen Beschreibungen solcher Objekte und Praktiken zu verständnisvoll werde. Dass man mich als Autor selbst in die »Eso-Ecke« stellt, wenn ich nicht meinerseits solche unkonventionellen Praktiken in die Eso-Ecke stelle.
Das Fenster des Sagbaren
In der Soziologie gibt es die Theorie des Overton-Fensters, laut der es einen Bereich des Sagbaren gibt — und Bereiche des nur noch schwer Sagbaren oder (fast) gänzlich Unsagbaren.
Meine Vermutung ist, dass buddhistische Grounding-Meditationen und Ausdruckstanz sich eher am Rande des Sagbaren befinden, weil die Mehrzahl der Menschen in unserer Gesellschaft mit so etwas keine Erfahrungen haben und es ihnen eher abgefahren und suspekt erscheint. Eben »Eso« und »hippiemäßig«.
Dasselbe gilt wahrscheinlich für psychedelische Substanzen. Wobei die mir inzwischen deutlich mehr im Mainstream angekommen zu sein scheinen. Mein Bauchgefühl ist, dass es inzwischen salonfähiger ist, über Erfahrungen mit »Zaubertrüffeln« zu sprechen als über eine Meditation, bei der man sich vorstellt, dass einem Wurzeln aus dem Gesäß bis zum Erdkern wachsen.
Bei den Psychedelika hatte ich denn auch weniger Übersetzungsprobleme. Da habe ich ein paar Studien angeführt, die messbar auf positive Effekte hindeuten. Und ein paar Promis, die das längst machen. Dazu die Risiken beleuchtet. Und eben die Wirkung auf die drei Teilnehmenden.
Dass Menschen Psychedelika nehmen, erschien mir relativ anschlussfähig. Es schienen eher die Körper- und Meditationsübungen zu sein, die ohne Substanzen ähnliche Zustände erzeugen sollen, bei denen ich mich mit der Kopplung an die Audience schwertat.
Vielleicht weil darin die Erkenntnis steckt, dass man sich auch ohne Zaubertrüffel ein reichhaltiges Innenleben erschließen kann, das weit über die Ratio hinausgeht. Dass man Zerbrechlichkeit und Intuition kultivieren kann, sich weniger auf Leistung und Analyse und mehr auf die eigene Menschlichkeit fokussiert. Was den Cartesianismus und Reduktionismus infrage stellt, der westliche Gesellschaften so stark prägt.
Ich habe selbst viel Yoga Nidra gemacht. Oder Meditationen über meinen eigenen Tod. Oder eine Systemaufstellung im Rahmen eines MIT-Kurses, bei der wir mit acht Leuten zentrale Elemente des Systems Journalismus und die Wechselwirkungen zwischen ihnen verkörpert haben, um zu erspüren, wie sich diese Welt von innen anfühlt. Auch eine Art Ausdruckstanz.
Ich kenne und schätze solche Praktiken. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, wie viel besser Lösungen für Probleme werden, wenn man neben der rein rationalen Analyse auch intuitivere Informationskanäle anzapft. Um wie viel wahrer, weil ganzheitlicher die eigene Wahrnehmung wird, wenn man Kopf, Herz und Bauch mit einbezieht. (Alles drei wohlgemerkt, denn wenn man nur noch meditiert und gar nicht mehr nachdenkt, dann kommt man freilich auch nicht weiter.)
Auch über das rein Funktionale hinaus genieße ich Meditation, Achtsamkeitspraktiken und künstlerische Tätigkeiten. Ich fühle mich lebendiger und menschlicher, wenn ich gut mit mir im Kontakt bin. Wenn ich gut wahrnehmen kann, was ich gerade fühle und was mir das darüber sagt, was ich gerade brauche.
In meiner Reportage habe ich dann trotzdem in Teilen die reaktionäre Haltung eingenommen. Ich habe Ansätze, die ich eigentlich selbst kenne und schätze, mehr als Quell von Komik genutzt – und damit am Rande des Sagbaren belassen – als sie ernsthaft zu erklären.
Ein wichtiger Teil dieses Problems scheint mir zu sein, dass ich manchen Praktiken nur Labels aufgeklebt habe.
Wie Eso-Labels Klischees zementieren
»Ausdruckstanz« ist so ein Beispiel. Da hätte ich besser mit ein, zwei Sätzen beschreiben sollen, was die Leute da eigentlich machen, wie sich das für sie anfühlt und was das soll. »Ausdruckstanz« perpetuiert nur ein Klischee.
Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Wo fängt ein Label an? Sind »Salzkristall« und »Yogakissen« schon Labels? Oder einfach Beschreibungen des Ortes? Sollte ich sie wirklich ganz weglassen, weil sie semantisch zu einseitig aufgeladen sind, wenn solche Objekte aber nun einmal prominent präsent sind? Und wenn viele andere Objekte und Übungen, die ich nicht einmal erwähnt habe, ähnlich aufgeladen sind?
Wann fängt die Selbstzensur an? Wann lasse ich zu vieles weg, was nun mal prominent da war? Sollte ich das Erzeugen von »Eso«-Assoziationen wirklich partout vermeiden, wenn sie mich und auch andere nun einmal an vielen Stellen angesprungen haben?
Mache ich mich nicht ungewollt ein Stück weit zum Anwalt der Firma, die diesen Eindruck vermeiden will, auch wenn ich ihn selbst ebenfalls gern vermieden hätte?
Vielleicht wäre es die sauberere journalistische Lösung gewesen, die Assoziationen entstehen zu lassen — dann aber stärker die zusätzliche Perspektive zu bieten, dass man das Ganze auch noch anders sehen kann. Dass die Objekte noch andere Bedeutungen haben. Und auch Funktionen für das große Ganze. Ein wenig habe ich das an der Stelle gemacht. Vielleicht hätte es gereicht, das noch etwas mehr auszuführen.
Gleichzeitig war da noch ein weiteres Problem. Es gab bei dieser Geschichte einfach sehr viel auszuführen und zu erklären.
Overload des Neuen
In meiner Geschichte geht es um ziemlich viele postkonventionelle Konzepte, die ziemlich vielen Menschen eher wenig sagen dürften. Es geht um Räume halten, psychologische Sicherheit, Grounding, holotropes Atmen, Ich-Entwicklung, gemeinwohlorientiertes Unternehmertun, echte gesellschaftliche Verantwortung von Firmen, Servant Leaderhip, postkapitalistische Wirtschaft und ja auch noch um Leute, die Psilocybin nehmen.
Ich hätte das gern alles beschrieben, auch weil ich selbst vieles davon kenne und die Potenziale davon sehe. Aber es wäre wohl zu viel progressives Denken für einen einzigen Text gewesen. Es wäre wohl eine Geschichte dabei herausgekommen, der kaum einer mehr hätte folgen können. Und die vielleicht sogar manche derjenigen überfordert hätte, die generell offen für solche Konzepte sind. Die, die nicht offen sind, hätten sich ohnehin schnell entnervt abgewendet.
Auch wäre der Text sehr viel länger geworden. Ich hätte dann gern erklärt, wozu diese Konzepte gedacht sind, wie sie wirken sollen, ob sie wirken und wenn ja unter welchen Umständen, welche Zweifel es an ihrer Wirksamkeit gibt. Inwieweit sie dem Leben im Allgemeinen dienen sollen und nicht irgendeinem Partikularinteresse.
Die Geschichte hätte dadurch aber wohl ihren Fokus verloren. Und der lag nun einmal auf dem Psilocybin.
Ich habe das zu lösen versucht, indem ich in den Dutzenden postkonventionellen Konzepten und Praktiken, die der Coaching-Kurs umfasste, nach noch grundlegenderen Prinzipien gesucht habe, die in Vielem drinstecken. Nur die habe ich dann im Text erwähnt. Diesen Teil finde ich persönlich geglückt, auch wenn es um die vielen interessanten Ideen, die unerwähnt geblieben sind, natürlich schade ist.
Es waren allerdings nicht ausschließlich Platz- und Fokussierungsgründe, die mich davon abgehalten haben, noch mehr neue, herausfordernde Ideen zu erklären. Es war zum Teil auch fehlende Courage.
Denn ich hatte beim Erklären des Progressiven stets das Gefühl, auch mich selbst erklären zu müssen. Ich hatte, wohl nicht ungebründet, Sorge, meine eigene Glaubwürdigkeit könnte leiden, wenn ich zu viele progressive Konzepte lang und breit und nur ernsthaft erkläre. Was ein Problem ist, weil Glaubwürdigkeit das höchste Gut eines Journalisten/einer Journalistin ist.
Warum genau hatte ich Angst um meine Glaubwürdigkeit? Ich denke, aus mindestens zwei Gründen.
Schillernde Ethik
Meine Sorge hatte, erstens, damit zu tun, dass die negative Semantik in Teilen begründet ist. Dass Retreats, ob nun mit oder ohne Psychedelika, ein ethisch schillerndes Bedeutungsfeld sind.
Ich habe mal einen Text über einen 15-Jährigen geschrieben, der in einer Finanzsekte gelandet ist, durch toxische Positivität und Lovebombing in der Gruppe manipuliert wurde und sich dadurch von seinen Eltern abwendete und die Schule schmeißen wollte.
Das Thema war weniger postkonventionell als das Thema Psilocybin-Retreats, aber es gab auch hier unbekannte Konzepte zu erklären. Gleichzeitig hatte die Geschichte immerhin einen recht klaren Moralkompass. Es war ziemlich eindeutig, dass das Mitgefühl dem Teenager und seiner Familie gebührt und die Kritik der Finanzsekte.
In einer anderen Reportage, auf die ich bis heute sehr stolz bin, beschreibe ich unter anderem, wie ein schüchterner Schulbeamte ein Hologramm heiratet und seit zehn Jahren eine parasoziale Liebesbeziehung mit ihr führt.
Hier gibt es unfassbar viele unfassbar ungewöhnliche Konzepte und Situationen zu erklären. Aber auch hier war zumindest der moralische Kompass klar: Der Schulbeamte wurde für seinen ungewöhnlichen Lebensstil ohnehin so viel verspottet, dass es wohl jedem halbwegs aufgeschlossenen Lesenden sofort einleuchtete, dass ich ihn konsequent ernst nehme, einfach nur in einer Welt spazieren gehe.
Beim Retreat-Thema ist Vieles weit weniger eindeutig. Es ist nicht so klar, wer »die Guten« und wer »die Bösen« sind. Denn die Semantik ist gleich an mehreren Stellen verwischt.
Da ist, erstens, das semantische Feld »Retreats«, das in Teilen tatsächlich problematisch ist.
- Es gibt angebliche spirituelle Lehrer*innen, deren Lehre eher aus Aberglauben und magischem Denken besteht.
- Es gibt kommerzielle Coachings, bei denen Salzkristalle und Meditationen zur inhaltsleeren Klischeekulisse verkommen, weil ihre Veranstalter ihre emotionalen Bedeutungen nicht oder nur oberflächlich begriffen haben.
- Es gibt Retreats, bei denen es richtig gefährlich wird. Zum Beispiel, wenn Veranstalter Psychedelika überdosieren oder Teilnehmende mit verwirrenden bis verstörenden Erfahrungen weitgehend alleinlassen.
- Und man kann solche Retreats eben gut finden, weil sie Menschen menschlich weiterbringen wollen, man kann sie aber zumindest in Teilen auch dekadent finden — so wie »Mark«.
Da sind, zweitens, die Teilnehmenden, das Feld »Manager«. Auch hier ist die Lage nicht eindeutig.
- Viele Lesenden dürften Manager, die sich psychodopen, jetzt nicht so sympathisch finden. Das war zwar bei den Teilnehmenden, die ich beschreibe, wohl eher nicht so, zumindest bei den meisten nicht. Insgesamt aber ist dieses Phänomen schon verbreitet.
- Die Manager im Retreat, über das ich schreibe, setzten sich eher teils ziemlich offen mit ihren Schwächen auseinander. Das dürften schon mehr Lesende gut finden. Aber es dürften auch manche zumindest ungewöhnlich, wenn nicht gar suspekt finden, wenn ihre Chefs sich plötzlich in all ihrer Verletzlichkeit zeigen würden. So sinnvoll und entwicklungsfördernd das in manchen Kontexten auch sein mag.
Und da ist, drittens, das semantische Feld »Unternehmen«, unter anderem in Form der Coaching-Firma, über die ich berichte. Deren Mitgründer wirken auf mich authentisch, aufrichtig in ihrer Mission, sich für ein gesellschaftsdienlicheres Wirtschaftsystem einzusetzen.
Es gibt eine Reihe solcher Firmen. Und es gibt den auch nicht mehr ganz unbekannten Trend der Gemeinwohlökonomie.
Aber es gibt eben auch Greenwashing, »Social Washing« und alle möglichen anderen Formen von Unternehmens-PR, bei der sich Firmen sozialer, diverser, nachhaltiger darstellen, als sie in Wahrheit sind.
Einem Unternehmer oder einer Unternehmerin also abzunehmen, dass es ihm oder ihr ausschließlich um die Sache geht, gilt nach journalistischer Konvention als per se schwierig. Eine fehlende kritische Distanz an dieser Stelle ließe einen Journalisten für alle, die sich an dieser Konvention orientieren, unglaubwürdig wirken.
Wenn es Unternehmern dann, wie wahrscheinlich in diesem Fall, wirklich vor allem um die Sache geht, dann taugt die Konvention nur noch bedingt. Ich hätte sie dann relativieren müssen. Aber damit hätte ich mich ziemlich angreifbar gemacht, weil ja nicht nur ich mich mit dieser Konvention abgleiche, sondern wohl auch viele Rezipierende mich als Autor damit abgleichen. Und das bei einem Text über „Drogen“.
Ich habe das alles mit einer Art Disclaimer zu lösen versucht. Habe geschrieben, dass einer der Gründer wie ein „Überzeugungstäter“ wirkt. Dass man aber natürlich nie weiß, wo genau seine berührende autobiografische endet und wo die Gründergeschichte beginnt.
Überzeugungstäter. Auch ein ziemlich grobes Wort. Ich würde die Wortwahl im Nachhinein als Signal interpretieren, dass ich mich ganz schön gegen die Infragestellung dieser Journalismus-Konvention sträube.
„Er wirkt, als ginge es ihm um die Sache“, wäre neutraler gewesen. Angemessen wertschätzend, aber noch immer irgendwo distanziert wäre vielleicht gewesen: „Er wirkt wie einer jener wenigen Unternehmer, denen man ehrlich glaubt, dass sie mit ihrer Unternehmung vor allem die Gesellschaft bereichern wollen.“
Letzteres wäre wahrscheinlich auch noch kürzer und cooler gegangen. In jedem Fall hätte es eine weitaus angemessenere Botschaft transportiert.
Nämlich: „Da ist endlich mal jemand, der es wahrscheinlich wirklich ernst meint und etwas Gutes bewegen will – auch wenn seine Methoden erst einmal ungewöhnlich sind. Gut, dass es solche Leute gibt.“
Und nicht: „Ich bin Journalist. Ich mache mich mit keiner Sache gemein. Auch mit keiner Guten.“ Was einer berühmten Maxime folgt (die damals noch nicht mal sauber zitiert worden ist).
Nur: Macht sich „ein Journalist“, also ich in dem Fall, wirklich schon dann mit einer guten Sache gemein, wenn er etwas erst einmal generell gut findet, dann aber kritisch beleuchtet, was an einem positiv wirkenden Ansatz vielleicht nicht so positiv ist und wo er vielleicht limitiert ist?
Es gibt ein ganzes Journalismusfeld, das so verfährt. Den konstruktiven Journalismus. Aber der hätte hier aus meiner Sicht nur schwer funktioniert. Dazu schillert das Thema zu sehr.
Die, denen man – konventionell tradiert – erst einmal misstraut, würden wahrscheinlich mehr Wertschätzung von mir als Autor verdienen. Doch das, was sie versuchen, ist noch nicht im wenig komplexen, aber wirkmächtigen Gut-Böse-Spektrum des Mainstreams verortet. Der Moralkompass, den man von konventionellen Themenfeldern kennt, funktioniert hier nicht. Er springt wild hin und her.
Natürlich ist ohnehin bei vielen Themen Vieles uneindeutiger, als Viele glauben. In meiner Reportage aber führt das zu einer Verzerrung.
All die oben genannten Abstufungen sind Teil der Wahrheit, also auch Teil meines Textes. Das muss auch so sein, damit der Text glaubwürdig ist. Das Problem ist nur, dass ich die Lesenden mit dem vermutlich erst einmal verwirrenden Input weitgehend allein lasse.
Ich collagiere die positiven, positiveren, neutralen, negativeren und negativen Aspekte nur, lasse sie weitgehend nebeneinanderstehen.
Ich hätte vielleicht einmal auf die Meta-Ebene wechseln und die hohe Ambiguität des Themas direkt benennen sollen. Hätte transparent machen können, dass ich das, was diese Firma versucht, erst einmal interessant und einleuchtend finde. So unkonventionell es auch scheinen mag. Und so viele unseriösere Firmen sich auch in diesem Umfeld tummeln mögen.
Ich hätte mich an dieser Stelle wohl als Erzähler mehr outen müssen. Dann hätte der kritische Teil der Wahrheit den konstruktiven Teil der Wahrheit weniger überstrahlt.
Semantische Kraftfelder
Bei vielen Lesenden bleibt wahrscheinlich eher hängen: »Okay, da machen Manager Übungen, die auf mich ziemlich befremdlich wirken, in einem Setting, das mich stark an Hippies und Eso-Spinner erinnert, und dann gibt es auch noch Firmen, die daraus eine schamanische Show machen und ihre Teilnehmenden vielleicht in Gefahr bringen.«
Weniger hängen bleibt vermutlich: »Okay, da machen Menschen also Übungen, die es ihnen erleichtern sollen, mit sich selbst, ihren Körperempfindungen, Emotionen, inneren Bildern und autobiografischen Erzählmustern in Kontakt zu kommen. Und bei einigen zeigen sich ein paar Monate später zumindest zarte Ansätze einer durchaus tiefgreifenden persönlichen Veränderung.«
Beides steht im Text. Aber der zweite Teil der Wahrheit geht vermutlich eher unter.
Die Textmengen, die Wahrheitsanteile 1 (die Risiken) und 2 (die Chancen) beschreiben, scheinen mir quantitativ ausgeglichen. Aber dadurch, dass ich mich als Erzähler nicht selbst positioniere, „gewinnt“ irgendwie doch Wahrheitsanteil 1.
Das liegt wohl daran, dass Wahrheitsanteil 1 ein semantisches Kraftfeld mit weit größerer Strahlkraft ist als Wahrheitsanteil 2. Einfach weil »Eso-Belächeln« viel mehr »gelernt« ist, viel mehr »Konsens«, sprich: Mainstream-Meinung ist. Weil Risiken schon evolutionär bedingt mehr Aufmerksamkeit fesseln als Chancen. Weil die neuronalen Bahnen der Rezipierenden bei Wahrheitsanteil 1 vermutlich viel, viel dicker sind.
Ich hätte in meiner Reportage also aktiv dagegen angehen müssen. Hätte Wahrheitsanteil 2 prominenter hervorheben müssen. Er hätte mehr Unterstützung gebraucht als das, was »man eh alles schon weiß«. Zumindest, wenn der Anspruch der Geschichte ist, nicht einfach nur ein weitverbreitetes Weltbild zu bestätigen.
Das aber hätte dann leicht so wirken können, als würde ich das schwerer Sagbare »verteidigen«, als machte ich mich damit gemein. Als fehlte mir journalistische Distanz. Oder eben, vermutlich für gar nicht mal so wenige Lesende: als sei ich selbst so ein Eso-Spinner, den man mal zum Drogentest schicken sollte.
Was mich zum zweiten Grund bringt, warum ich um meine Glaubwürdigkeit fürchtete: Selbstschutz.
Ich habe mich schlicht nicht getraut, Wahrheitsanteil 2 stärker hervorzuheben, mehr darüber aufzuklären. Und das lag nicht zuletzt daran, dass ich nicht wusste, wie ich mit den subtilen, oft automatisch ablaufenden Zuschreibungen, die sie auslösen, so umgehen kann, dass sie nicht auf mich selbst zurückfallen.
Mehr Mut durch Kopplungskompetenz
Ich war mit der Übersetzungsaufgabe, die sich mir stellte, schlicht überfordert.
Da waren auf der einen Seite die tiefen Intentionen der Retreat-Leitung, die teils noch weit über die Erwartungen der Teilnehmenden hinausgingen. Und da war auf der anderen Seite die von mir aus guten Gründen angenommene skeptische Erwartungshaltung der überwiegenden Leserschaft. Dazu die Funktionalisierungen und Verformungen solcher Praktiken durch die zunehmende Kommerzialisierung. Und mittendrin ich, der das alles ausbalancieren wollte.
Ich habe das nicht hinbekommen. Habe nur bedingt die angemessenen Kopplungspunkte zwischen Protagonisten und Audience gefunden. Und nicht immer die angemessene Gewichtung der einzelnen Elemente.
Ich habe mich dann in Teilen davor gedrückt, indem ich in der Mainstream-Haltung geblieben bin. Was absurd ist. Weil ich mich ja auch da mit einer Seite gemein mache. Nur eben mit der, bei der es wohl den wenigsten auffällt.
Ausgerechnet an einer anderen Stelle habe ich es indes mit meinen Kopplungsversuchen übertrieben. Es gibt bei journalistischen Beiträgen das sogenannte Portal, von manchen auch despektierlich »Aufblase« genannt. Es ist der Teil des Beitrags, der direkt nach der Einstiegsszene kommt.
Nach konventioneller Auffassung soll er den Rezipierenden vermitteln, warum sie diesen Beitrag rezipieren sollten. Warum die Geschichte relevant und interessant ist. (Oder eben: Wenn sie nicht so interessant ist, wie man sie künstlich interessanter macht. Dann blasen bestimmte Kolleg*innen eben etwas auf.)
Ich finde inzwischen den einen Begriff widerlich und den anderen zu beschränkt. Ich glaube, der Begriff Framing trifft es besser. Denn tatsächlich wird an dieser Stelle auch der Rahmen für die Geschichte gesetzt. Der kann enger oder weiter sein, mehr oder weniger komplex.
Der Rahmen, den ich für meine Reportage gewählt habe, ist die Trendgeschichte: neues Marktfeld, neue Firmen, alte Maschen. Was bringt das? Wie riskant ist das? Solche Fragen.
Mir war schon vorher klar, dass dieser Rahmen zu eng ist. Dass ich in der Geschichte auch Aspekte thematisiere, die weit über diesen Rahmen hinausgehen. Ich habe ihn trotzdem bewusst gewählt, um anschlussfähig zu sein. Um Lesende mit etwas Bekanntem abzuholen.
Was ich unterschätzt habe, ist, wie sehr ein solcher Rahmen den Aufmerksamkeitsfokus der Lesenden scharfstellt. Wie stark er bestimmte Erwartungen in der Audience weckt. Und wie seltsam es dann wirkt, wenn man den selbst gesetzten Rahmen verlässt.
Ich hätte einen Rahmen setzen sollen, der weit genug ist für die Fragen, die sich im Kern in der Geschichte stellen. Zum Beispiel für die Frage: Könnten psychedelische Drogen und Meditation tatsächlich zu Kulturtechniken entwickelt werden, die Führungsstile, Firmenkulturen und das Wirtschaftssystem weiterentwickeln — so wie es die von mir beschriebene Firma versucht?
Das steht in meinem Text nicht im Portal, sondern im Fazit. Dabei wäre das die viel spannendere Frage gewesen.
Man kann und sollte also unbedingt bei einzelnen Aspekten einer Geschichte die Leute mit dem abholen, was sie kennen und sie dann behutsam in komplexere Gefilde führen. Den Rahmen für die komplette Geschichte aber darf man nicht zu eng fassen. Sonst schlägt der ganze Beitrag Falten, wie ein zerknittertes Tuch.
Ich glaube, dass Kopplungskompetenz für den Journalismus sehr wichtig ist, gerade bei Themen, die die Normen des Mainstreams herausfordern und wo es entsprechend viel Übersetzungsarbeit braucht. Nur wenn Ungewöhnliches, das erst einmal Skepsis hervorruft, besprechbar wird, können allzu starre Konzepte in Bewegung geraten, und die Gesellschaft kommt weiter.
Mir ist das in meiner Reportage nicht so gelungen, wie ich es mir von mir selbst gewünscht hätte. Aber ich habe nun zumindest einige Ansatzpunkte, wie es künftig besser gehen kann. Was mir Hoffnung gibt.
Ich glaube, dass fehlender Mut und fehlende Kompetenz sich hier bedingen. Dass ich mich bei dieser Geschichte mehr getraut hätte, wenn ich die oben beschriebenen subtilen Probleme schon vorher mehr reflektiert gehabt hätte und wenn ich besser gewusst hätte, wie ich kopplungsfähiger und feinfühliger mit ihnen umgehe.
Wie es gehen könnte
Das hier wäre vielleicht ein Kopplungsansatz gewesen: In diesem Artikel werden »Psychotechnologien« für das Zeitalter des Klimawandels benannt. Natürlich sind die Dinge, die dort beschrieben werden, in Wahrheit keine Technologien. Aber das Umformulieren macht Dinge wie Meditation und Mitgefühl erst einmal anschlussfähiger für Kopfmenschen.
Gleichzeitig sträube ich mich gegen solche Verbiegungen. Ich finde sie einerseits etwas »windig«, etwas manipulativ gegenüber Kopfmenschen. Andererseits klingt es in meinen Ohren fast beleidigend, Praktiken wie eine Meditation der liebenden Güte als »Psychotechnologie« abzutun.
Wahrscheinlich geht es aber auch eher um die Absicht hinter solchen Brücken. Wenn sie nicht dazu dienen, Menschen zu missionieren oder zu zwangsbeglücken, sondern nur eine behutsame Einladung aussprechen, ein Thema auch einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu sehen als normalerweise, dann hat das ja nichts Manipulatives mehr.
Es braucht vermutlich nur eine feine, nicht druckvolle Sprache. Dann ist die Wahl der Brücke gar nicht so wichtig. Wobei: Je besser die Brücke auch inhaltlich schon funktioniert, desto zielführender wäre es natürlich.
Lohnenswert erscheint es mir in jedem Fall, mehr in diese Richtung zu denken. Denn ich schreibe wohl für ein Medium, das eine eher konventionell denkende Zielgruppe hat. Da muss ich natürlich mehr erklären, wenn ich über Themen schreibe, die über die aktuellen Konventionen hinausragen. Und ich kämpfe gegen mehr Widerstände an. Aber ich bewege am Ende wohl auch mehr in dem einen oder anderen Kopf.
Strategien für das Berichten über postkonventionelle Konzepte
- Aufklären: Konzepte, die leicht Skepsis oder Abwehrreaktionen in der Audience erzeugen, bedürfen besonders viel Aufklärung. Wofür ist das Konzept gedacht? Wo wird es eingesetzt? Was sind seine Effekte?
- Abholen: Es lohnt sich, nach möglichst vielen Kopplungspunkten zu suchen. Mit was könnte man die Leute abholen, damit sie verstehen, um was es eigentlich geht und weshalb Leute etwas tun?
- Niedrigschwellige Brücken: Die Brücken, die man zu ungewohnten Konzepten schlägt, sollten möglichst niedrischwellig sein.
- Zielgruppen bedenken: Kopplungspunkte mit Gemeinschaftsmenschen können Hinweise sein, wie das Beschriebene den Zusammenhalt stärkt. Kopplungspunkte mit rational-funktionalen Leuten können Fakten sein. Kopplungspunkte mit eigenbestimmten Erfolgsmenschen können Antworten auf die Frage sein: What’s in it for me?
- Behutsam ins Neuland führen: Kopplungspunkte dürfen aber nur der Start sein. Sonst zwängt man komplexere Konzepte zu sehr in ihre vereinfachende Logik. Man sollte auch die komplexere, tiefere Logik benennen, nachdem man angekoppelt hat.
- Aufrichtig bleiben: Sprachliche Kopplungsbrücken dürfen kein windiges Re-Labeling sein. Sie sollten eher eine Einladung aussprechen, ein Konzept einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
- Verständnis fürs Befremdliche haben: Um die Audience abzuholen, brauchen ungewöhnliche Konzepte eine Selbstreflexion ihrer befremdlichen Wirkung.
- Lustig sein: Die Selbstreflexion kann lustig sein, sie kann sowohl mit den herausgeforderten Klischees spielen als auch mit der Befremdlichkeit des Neuen. Sie darf sich aber nicht darin erschöpfen. Sonst wird nur etwas lächerlich gemacht. Das ist dann Unterhaltung, kein Journalismus.
- Metablick: Man könnte die Konventionen, die man herausfordert, am Anfang einer Geschichte einmal grundsätzlich hinterfragen. »Auf viele mag das wie typische Eso-Spinnerei wirken, aber ist das eigentlich wirklich immer so? Und wenn nein, wann nicht?«
- Kritisch bleiben: Ungewöhnliche Konzepte genießen keinen Welpenschutz. Auch ihre kritischen Punkte müssen offen genannt werden —, ohne gleich das komplette Konzept grundsätzlich infrage zu stellen.
- Moralische Ambiguität benennen: Manch ungewöhnliche Konzepte haben eine besonders schillernde Ethik. Sie überfordern leicht die Lesenden, weil die simple aber sozial wirkmächtige Einteilung in »gut« und »böse« nicht oder noch nicht funktioniert. Auch das könnte man auf der Meta-Ebene thematisieren.
- Rezipierende nicht überfordern: Zu viele zu progressive Konzepte überfordern vermutlich selbst eher aufgeschlossene Lesende. Oft lassen sich aber aus den einzelnen Konzepten noch grundlegendere Prinzipien abstrahieren, mit denen sich die grundlegende Intention kurz und klar zusammenfassen lässt.
- Geräumiger Rahmen: Das Framing der Geschichte darf nicht zu eng sein, sonst erstickt man die eigenen, wirklich interessanten Ideen.
- Bericht als »safe space«: Im Idealfall schafft man es, den ganzen Bericht so zu verfassen, dass sich Menschen mit verschiedenen Mindsets in ihm »sicher« fühlen. Möglichst niemand sollte sich beim Lesen dumm oder bedroht fühlen. Manche werden freilich auch dann noch getriggert. Aber man hat zumindest als Schreibender das Bestmögliche getan.
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