In der Sprechstunde: Coaching, Feedback und Wertschätzung
Als Lerncoaches verwandeln wir die Sprechstunde für die Studierenden in eine Lernerfahrung.
In der Sprechstunde: Coaching, Feedback und Wertschätzung
Als Lerncoaches verwandeln wir die Sprechstunde für die Studierenden in eine Lernerfahrung.
Photo by Mimi Thian on Unsplash
Die Sprechstunde wird in ihrer Bedeutung als didaktisches Instrument oft unterschätzt. Im Idealfall erlaubt sie uns, konzentriert und zielgerichtet zu beraten — eine Gelegenheit, die im Lehralltag selten vorkommt. Indem wir die Rolle eines Coaches einnehmen, können wir die Sprechstunde als Chance begreifen, Studierende beim Lernen zu begleiten.
Die Sprechstunde ist ein oft unterschätztes didaktisches Instrument. Wenn wir Ablauf und Dynamik verstehen, können wir Studierende so beraten, dass sie gestärkt aus dem Gespräch herausgehen.
Einerseits hat die Sprechstunde eine stark ritualisierte Struktur, wie Holger Limberg in seinem Aufsatz zu den Interaktionsmustern dieser Gespräche schreibt, andererseits hat sie einen individuellen und persönlichen Charakter. Lassen wir uns eher auf die Individualität des Gespräches ein, können wir dazu beitragen, die immanente kommunikative Asymmetrie abzubauen und den Studierenden einen Raum für ihre Anliegen zu schaffen.
Vier Phasen des Gespräches
Das Gespräch läuft fast immer in vier Phasen ab:
- Einstiegs- und Kontaktphase: Für Studierende ist das Gespräch eine soziale Herausforderung und gerade der Einstieg ist mit Unsicherheit verbunden. Dabei entscheidet der Beginn, welche Stimmung im Gespräch vorherscht. Gelingt es den Studierenden nicht, die Unsicherheit zu reduzieren, kann es so viel Stress erzeugen, dass das Ergebnis gefährdet ist. Wir können mit einem freundlichen Wort entgegenwirken und einen sicheren Rahmen vermitteln.
- Anliegenformulierung: Während der Anliegenformulierung erklärt der Studierende den Anlass für das Gespräch. Gesprächsanlässe reichen von administrativen und studienorganisatorischen Anliegen über Lehr- und Prüfungsanliegen bis zu Beratungs- und Betreuungsanliegen. Unsere Aufgabe ist es, das Problem und die Wünsche möglichst umfassend zu verstehen. In unklaren Fällen oder wenn es den Studierenden schwer fällt, das Problem zu formulieren, sind Nachfragen und Formulierungshilfen erforderlich.
- Anliegenbearbeitung: Handelt es sich um ein Beratungs- oder Betreuungsanliegen, erarbeiten idealerweise beide Gesprächsbeteiligten gemeinsam eine Lösung. Im besten Fall findet der Studierende einen eigenen Ansatz. Die Lehrperson begleitet den Schritt mit gezielten Fragen und Denkanstößen. Jedoch wird allzuoft das Gespräch von den Lehrenden dominiert. Sie lassen die Studierenden kaum zu Wort kommen, führen bisweilen Monologe. Auch wenn diese Gesprächsführung aus einer Haltung heraus entsteht, den Studierenden in der Kürze der Zeit möglichst viel mitgeben zu wollen, untergräbt sie die Selbstwirksamkeit des Gegenübers. Die Studierenden ziehen sich zurück, reagieren mit einsilbigen Hörsignalen.
- Schlussphase: Zum Schluss wird das Ergebnis gesichert, das weitere Vorgehen besprochen und gegebenenfalls ein Folgetermin vereinbart. Die Verabschiedung beendet das Gespräch.
Studierende bringen zuweilen neben einem Hauptanliegen weitere Anliegen ein, so dass Anliegenformulierung und -bearbeitung sich wiederholen. Die Übergänge zwischen die Phasen sind fließend.
Für die Studierenden ist das Gespräch gewinnbringender, wenn wir es schaffen, dass sie einen größeren Redeanteil haben als wir.
Umgang mit Hierarchie
Für Studierende ist die Sprechstunde fast immer eine herausfordernde Begegnung. Zu welchen Verhalten das führen kann, beschreiben Geri Thomann und Anja Pawelleck in ihrem Buch „Studierende beraten“: Studierende spielen ihre Anliegen herunter, trauen sich nicht, nach Dingen zu fragen, von denen sie meinen, sie müssten sie eigentlich wissen und werten sich selbst ab.
Die institutionelle Hierarchie verstärkt den Stress und damit die Unsicherheit. Diese Hierarchie zeigt sich auch im Verhalten mancher Lehrenden. Ohne eine klare Vorstellung vom Problem gehen sie direkt zur Lösungssuche über und dominieren die Problemfindung.
Wie können wir im Gespräch mit dem Gefälle umgehen, das durch die institutionelle Hierarchie entsteht? Dazu lohnt sich ein Blick in die Literatur zu Coaching-Gesprächen. In „Let’s Talk“ erläutert Therese Huston, wie ein Gespräch auf Augenhöhe erfolgen kann: Side with the Person, not the Problem. Gerade in der Hochschule ist man geneigt, Personen in schwierigen Situationen als Problem zu sehen und ihnen etwa Faulheit, Unvermögen oder mangelnde Motivation zu unterstellen. Wenn man möchte, dass das Gespräch funktioniert, so Huston, liegt der Schlüssel in der eigenen Haltung den Studierenden gegenüber. Ihr Vorschlag ist es, sich auf ihre Seite zu stellen und das Problem gemeinsam zu lösen.
Mehr Coaching weniger Erklären
Coaching ist eine Form von Feedback, das der anderen Person hilft, sich anzupassen, sich auszurichten, zu lernen und zu wachsen. Coaching hilft der anderen Person, ihr Potenzial zu entfalten. Gerade in Beratungs- und Betreuungssituationen ist die Sprechstunde eine Möglichkeit uns als Mentoren zu bewähren. Wenn wir vier Grundregeln der Gesprächsführung beachten, gelingt es uns, das Potenzial von Studierenden zu aktivieren.
Zuhören
Es gibt zwei einfache Möglichkeiten, dem anderen zu signalisieren, dass wir zuhören und versuchen, das Gesagte zu verstehen: Paraphrasieren und Validieren. Indem wir mit unseren eigenen Worten wiedergeben, was der Studierende gesagt hat, zeigen wir, was wir verstanden haben und geben eine Gelegenheit zur Korrektur. Mit Aussagen wie „Das ist keine ungewöhnliche Erfahrung“ oder „Damit sind Sie nicht allein“ validieren wir die Aussagen und bestätigen gleichzeitig, dass wir zuhören.
„Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Andern immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken.“ (Dietrich Bohnhoeffer, Gemeinsames Leben, DBW Band 5, S.87)
Fragen stellen
In „The Coaching Habit“ beschreibt Michael Stanier warum in Beratungssituationen zuweilen zu wenig Fragen gestellt werden: Wer Fragen stellt, glaubt weniger hilfreich zu sein, das Gespräch fühlt sich langsamer an und man hat das Gefühl, die Kontrolle über das Gespräch abzugeben. Und tatsächlich gibt man Kontrolle ab — was als Empowerment ein gewünschter Effekt ist.
Dabei ist man gefordert, dem Gegenüber auch die Zeit zu geben, auf die Fragen zu beantworten. Gerade die in einer Beratung häufig vorkommenden kompetenzorientierten Fragen sind für die Studierenden eine Herausforderung. Solange man selbst schweigt, liegt die Initiative beim Studierenden. Dafür muss man Stille aushalten und Ungeduld zurückhalten können. Fragen und Schweigen sind ein Paar.
Michael Stanier hält die Frage „Wie kann ich helfen?“ für besonders wirkungsvoll. Sie beugt der Annahme vor, bereits zu wissen, was das Beste für den anderen ist. Die Frage ermöglicht den Studierenden vielmehr, selbst zu formulieren, was in ihrer Situation hilft.
Weniger Ratschläge
Die Beratung sollte mit dem Ziel geführt werden, dass die Studierenden einen eigenen Weg finden, der in ihren spezifischen Situation am besten geeignet ist. Ratschläge werden in der Regel nur halbherzig befolgt. Menschen sind motivierter, Lösungen umzusetzen, die sie selbst entwickelt haben oder an denen sie maßgeblich beteiligt waren. Finden die Studierenden mit unserer Unterstützung eine eigene Antwort, erleben sie ein Gefühl der Selbstwirksamkeit.
Das heißt aber nicht, dass wir unsere Erfahrung zurückhalten. Die Initiative sollte nur zunächst bei den Studierenden liegen. Das geht mit: „Ich habe ein paar Ideen. Aber zuerst möchte ich Ihre Gedanken hören.“ Wenn es gut läuft, können wir die Gedanken aufgreifen — so identifiziert sich der Studierende mit der Lösung.
Empathie
Für uns Lehrende wird die Sprechstunde mit der Zeit zur Routine. Wir beginnen, die Gespräche abzuarbeiten und verlieren den Blick für den einzelnen Studierenden. Empathie macht die Situation, in der sich die Studierenden befinden, greifbar und ermöglicht es uns, die Ängste, Hoffnungen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Blickkontakt ist die einfachste Art, der anderen Person das Gefühl zu geben, dass wir sie respektieren, verstehen und bestätigen.
Mit der Haltung eines Lerncoaches, der zuhört, Fragen stellt und Wertschätzung zeigt, ermöglichen wir den Studierenden in der Sprechstunde eine Lernerfahrung, die wir im Lehralltag kaum in dieser in dieser Intensität kaum umsetzen können.
Holger Limbert bietet einen Einstieg in die Gesprächsführung innerhalb der Sprechstunde in seinem Aufsatz „Gesprächsstruktur und Interaktionsmuster in universitären Sprechstunden“ (In: Tyagunova, Tanya (Hrg.): Studentische Praxis und universitäre Interaktionskultur, Bd. 69. Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 143–171, 2019). In „Studierende beraten“ befassen sich Geri Thomann und Anja Pawelleck ausführlicher mit dem Thema (Opladen: Barbara Budrich, 2023). Wer etwas mehr zu Coaching-Gesprächen erfahren möchte, dem sei ein Blick in „Let’s Talk“ von Therese Huston empfohlen (New York: Portfolio/Penguin, 2021).
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- 2026-07-24 08:17:32