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Ein linker Höhenflug mit Absturzgefahr

Warum der Erfolg der Linken Hoffnung macht — und dennoch trügerisch ist. Eine Bundestags-Kurzanalyse.

Luca Tielke in Politik und Zeitgeschehen · 2025-02-24 20:29 · 32 claps · 12.8 min read
#bundestagswahl #die-linke #politik #deutschland #journalismus
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Ein linker Höhenflug mit Absturzgefahr

Warum der Erfolg der Linken Hoffnung macht — und dennoch trügerisch ist. Eine Bundestagswahl-Kurzanalyse.

Bitte links abbiegen — nur wie lange noch? | Photo by Nick Fewings on Unsplash

Bitte links abbiegen — nur wie lange noch? | Photo by Nick Fewings on Unsplash

Diese Bundestagswahl ist, zugegeben, nicht unbedingt ein Lichtblick. Angesichts einer deutlich erstarkten AfD, einer massiv abgestürzten SPD, ratlosen Grünen und einem zukünftigen CDU-Kanzler mit fragwürdigen Verbindungen in die “Freie Wirtschaft” gab der Wahlabend (für Lohnabhängige, Menschen mit Migrationsgeschichte und FLINTA-Personen/Allies) eigentlich nicht viel Anlass zur Hoffnung. Der einzige Trost schien nur noch das Ende von Christian “Schuldenbremse” Lindner und der endgültige Niedergang der FDP zu sein —und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer: “Die Linke” bleibt im Bundestag, und wie!

Wie aus dem Nichts erzielt die vor einem Jahr noch totgesagte Partei mit 8,77% ein Überraschungscomeback, dazu sechs Direktmandate. Während alle anderen großen Parteien aus dem Ampel-Aus nicht wirklich “Kapital” schlagen konnten, profitiert also ausgerechnet eine sozialistische Partei von dem politischen Rechtsruck der letzten Monate. Wie es dazu kam, warum uns das hoffnungsvoll, aber auch nicht zu euphorisch stimmen sollte, wollen wir in dieser (zugegeben etwas zu lang geratenen) Kurzanalyse erörtern.

Die Ausgangslage

Zu Beginn des Wahlkampfes schien es für die Linke eigentlich nur ein Ziel zu geben: die 5%-Hürde zu überwinden. Nach dem Austritt von Sarah Wagenknecht lag die Partei in Trümmern. Bei den EU-Wahlen holte sie nicht einmal mehr 5%, bei den Landtagswahlen im Herbst musste sie sich wohl oder übel ausgerechnet der neuen “Arbeiterpartei” AfD deutlich geschlagen geben. Es sah so aus, als gäbe es für die “Linke” keine Zukunft mehr. In Umfragen dümpelte sie zeitweise zwischen drei und vier Prozent. Genau wie FDP und BSW konnte die Linke davon ausgehen, um den Bundestagseinzug zittern zu müssen.

Als Ines Schwerdtner und Jan van Aken im Oktober den neuen Parteivorsitz übernahmen, standen die beiden also vor einer riesigen Herausforderung: sie mussten eine innerlich zerstrittene Partei einigen, inhaltlich neu auszurichten und gleichzeitig auf einen überlebenswichtigen Wahlkampf vorbereiten. Der Plan war, sich an den Erfolgen der KPÖ in Österreich zu orientieren und die Linke wieder mehr im Alltag der Menschen zu verankern — mit einem klassischen Haustürwahlkampf, einer “Mietwucherapp” sowie einem Heizkostencheck und Befragungen zu den Themen, die die Menschen abseits der medialen Aufmerksamkeit bewegen.

Doch so etwas braucht bekanntlich Zeit — Zeit, die die Linke plötzlich nicht mehr hatte, als Anfang November die Ampel-Regierung zerbrach. Augenblicklich war ganz Deutschland im Wahlkampfmodus — und es deutete einiges darauf hin, als würde die vorgezogene Bundestagswahl zu früh kommen für eine Partei, die sich eben noch in einer Art Selbstfindungsphase befunden hatte.

Das Comeback

Es sollte anders kommen. Durch geschickte Wahlkampfmanöver, Aufbruchsstimmung in der Partei und ein bisschen Hilfe von außen zog die Linke nicht nur in den Bundestag ein, sondern kratzte gar an einem zweistelligen Ergebnis — was für ein politisches Comeback. Doch der Reihe nach.

Die “Mission Silberlocke”

Der erste Schritt in Richtung Bundestag bestand darin, dem Schatten der 5%-Hürde zu entkommen. Denn Umfragen können eine enorme psychologische Macht auf das Wahlvolk ausüben: sie können taktisches Wahlverhalten begünstigen (Fallbeil-Hypothese/Leihstimmen-Hypothese) oder eine (medial unpopuläre) Wahlentscheidung bestärken (Bandwagon-Hypothese). Wenn Menschen sehen, dass “ihre” Partei Schwierigkeiten bekommen könnte, die 5%-Hürde zu überwinden, dann kann dies zum Wählen einer programmatisch ähnlichen Partei bewegen, für die der Einzug in den Bundestag sicher ist (bei dieser Wahl etwa FDP -> CDU). Oder Menschen fühlen sich in ihrer Wahlentscheidung bestätigt und ermutigt, diese auch in die Tat umzusetzen, wenn sie sich damit nicht “alleine” und als Teil einer größeren “Bewegung” fühlen (bei dieser Wahl etwa die AfD).

Die Linke rief daher in einem ungewohnt selbstironischen Moment die “Mission Silberlocke” ins Leben, um potentiellen Links-Wähler:innen das Gefühl zu geben, dass eine Stimme für “Die Linke” keine verschenkte Stimme sei. Frech und selbstbewusst behauptete die Parteiführung, die drei Herren Ramelow, Bartsch und Gysi würden ihre drei Direktmandate “sicher” gewinnen und damit den Einzug der Linke in den Bundestag unabhängig vom Zweitstimmenergebnis sicherstellen (tatsächlich würde es am Ende nur für Bartsch nicht reichen). Ein strategisch kluger wenn auch gewagter Schachzug, der jedoch voll aufgehen sollte.

Denn mit dieser Strategie hatte die Linke im Vergleich zu FDP und BSW einen Trumpf in der Hand, den sie gerade in den letzten Wochen vor der Wahl erfolgreich ausspielen konnte. Indem sie einigermaßen glaubhaft die “Mission Silberlocke” ins Feld führte, war die Linke in der Lage, das Potenzial ihrer Wähler:innenschaft stetig auszubauen und in den Umfragen über die 5%-Hürde steigen. Immer mehr Menschen zeigten sich offen und vor allem ermutigt, die Linke zu wählen. Das setzte eine Art Bestätigungs- oder Bandwagoneffekt in Gang, der es möglich machte, dieses Potenzial schlussendlich auch tatsächlich in Stimmen umzusetzen. Dieser Bestätigungseffekt speiste sich dabei zunächst aber aus einer neuen Aufbruchsstimmung innerhalb der Partei.

Die “Linke” in Aufbruchsstimmung

Jan van Aken, Co-Spitzenkandidat und Co-Vorsitzender der Linken, wurde in Talkshows und Interviews nicht müde zu betonen, dass “die Linke lebt”. Und wie: nachdem die Linke im letzten Jahr einen Mitgliederzuwachs von 12.000 Menschen verzeichnen konnte, traten allein seit Anfang diesen Jahres 23.500 neue Genoss:innen der Partei bei. Aktuell steht die Linke damit bei 81.200 Mitgliedern — so viel wie noch nie in ihrer Geschichte. Dabei ist auffällig, dass die Neumitglieder vor allem jung und mehrheitlich weiblich sind: das Durchschnittsalter der seit Januar beigetretenen Genoss:innen liegt zum Beispiel bei 28 Jahren, während der Anteil der neu eingetretenen Frauen bei 53 Prozent liegt.

Es ist also nicht vermessen zu sagen, dass die Linke in der Tat “jünger, dynamischer und weiblicher” geworden ist — und das sorgt für Aufbruchstimmung, die sich auch aufs Wahlergebnis überträgt, wie wir nachher sehen werden. Zusammen mit den steigenden Umfragen weckten die vermeldeten Mitgliederrekorde ein Zugehörigkeitsgefühl, dass sich fortan selbst verstärken sollte. Und es schenkte denjenigen Menschen Vertrauen, an deren Türen die Wahlkämpfenden Tag für Tag klopften, um für linke Politik zu werben.

Der Wahlkampf und Heidi Reichinek

Tatsächlich war der Haustürwahlkampf vermutlich einer der erfolgreichsten in der Geschichte der Linken und hat somit einen erheblichen Anteil an dem Wahlergebnis vom Sonntag gehabt. Mit einem geschärften Fokus auf “klassische” linke Themen wie Mieten, Inflation, Löhne und Vermögensteuer gewann die Linke an Profil und etablierte sich somit als die einzige Partei, die nicht ständig von Migration sprach. Bundesweit klopfte sie an hunderttausenden Türen und gewann somit lokales Vertrauen; auch Initiativen wie “Die Linke hilft” trugen ihren Teil dazu bei. Diese Taktik hat schon Nam Duy Nguyen in Leipzig dabei geholfen, ein Direktmandat zu gewinnen — und jetzt bescherte sie der Linkspartei gleich sechs an der Zahl.

Neben diesem eher “analogen” Wahlkampf hat die Linkspartei aber auch im Internet für Furore gesorgt, allen voran in der Person der Co-Spitzenkandidatin Heidi Reichinek, die vermutlich wie keine andere die Aufbruchsstimmung in der Partei verkörpert. Sie ist jung, weiblich und kommt aus “dem Osten” — eine Kombination, die es im Bundestag nach wie vor nur sehr selten gibt. Die Arbeitsteilung für den Wahlkampf sah vor, dass van Aken durch die Talk-Shows und TV-Debatten der Republik reist, während Reichinek sich vor allem auf den Social-Media-Wahlkampf konzentriert — ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Denn entgegen aller Vorzeichen stieg Reichinek zum ultimativen Social-Media Star der Linken auf.

Auf TikTok schafft sie es auf derzeit sage und schreibe 12.7 Millionen Likes und ca. 425 Tausend Follower — ein Rekordwert im politischen Berlin. Die Zahl der Likes für AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel etwa — die bisher als die erfolgreichste Politikerin auf TikTok galt — bewegen sich im unteren Millionenbereich, andere Spitzenpolitiker:innen kommen nicht mal in die Nähe der Million. Damit erreicht Reichinek vor allem junge Menschen, die — wie ich mir hab sagen lassen — viel Zeit auf Plattformen wie TikTok verbringen. Ein Ereignis aber machte Reichinek endgültig zum Social-Media-Phänomen und brachte ihr schlagartigen Kult-Status ein: ihre Rede zum “Tabubruch” von CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz, der mit diesem unüberlegten Manöver der Linken (ungewollt) einen großen Gefallen tat.

Der “Tabubruch” von Merz

Denn am 29. Januar ereignete sich im Bundestag bekanntlich etwas Historisches: zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik machte eine konservative Partei gemeinsame Sache mit einer dezidiert (post-)faschistischen Partei. Bei der Abstimmung über seinen “5-Punkte-Migrationsplan” nahm “Fritze” Merz wissentlich die Stimmen der AfD in Kauf und brachte so große Teile der Zivilbevölkerung gegen sich auf. In den Wochen danach gingen Millionen Menschen (laut Merz alles “linke und grüne Spinner”) gegen die CDU (und die AfD) auf die Straße. Gleichzeitig befanden sich SPD und Grüne in dem Dilemma, sehr wahrscheinlich einzeln oder gemeinsam Teil der nächsten Regierung unter Merz werden zu müssen, wenn sie nicht Neuwahlen oder eine schwarz-blaue Regierung riskieren wollen. Das vergraulte wiederum einige ihnen sonst vermutlich eher positiv gesonnene Wähler:innen, die aus Angst vor dem Rechtsruck und Merz bei der Linken eine Wahlheimat fanden.

Tatsächlich konnte sich die Linke erfolgreich als letzte glaubhafte antifaschistische Bastion inszenieren, während SPD und Grüne versucht waren, über die von der CDU geschaffenen Gräben in “staatstragender Manier” hinweg zu sehen. Diese These lässt sich durch erste Daten zur “Wählerwanderung” belegen: die SPD verlor ca. 560.000 Stimmen an die Linke, bei den Grünen sind es sogar 700.000 (infratest dimap). Ein nicht unerheblicher Teil davon wird sich nun vermutlich erst relativ kurzfristig für die Linke entschieden haben, als Reaktion auf Merz’s vielzitierten “Tabubruch”. Man kann also sagen, dass die “Linke” bei dieser Wahl als eine Art Protestpartei von Links hergehalten hat — für Menschen, denen die SPD und vor allem die Grünen zu “rechts” geworden sind. Dank der “Mission Silberlocke”, Heidi Reichineks mitreißender Rede und dem Bestätigungseffekt der steigenden Umfragen fühlten sich viele dieser Menschen ermutigt, aus Mangel an linken Alternativen “Die Linke” auch wirklich zu wählen. Doch wer sind eigentlich die, die die Linkspartei zu ihrem Überraschungscomeback verholfen haben?

Die Wahl

Das Wahlergebnis sieht die Linke bei 8,77% der Stimmen, was ein Plus von ca. 3,9% im Vergleich zur letzten Bundestagswahl bedeutet. Leider finden sich bei den Wahlbefragungen von infratest dimap, auf die ich mich hier beziehe, nur die Stimmenanteile der Parteien in Relation zum Gesamtergebnis der Wahl, nicht aber zum Gesamtergebnis der Parteien selbst. Deshalb können wir nur mutmaßen, woraus sich die Wähler:innenschaft einzelner Parteien zusammensetzt.

Bei der Linken ergibt sich jedoch auch auf Basis dieser Daten ein eindeutiges Bild: 25% der 18–24 Jährigen und 16% der 25–34 Jährigen wählten am Sonntag die Linke — damit ist sie die mit Abstand stärkste Kraft unter jungen Menschen, wenn auch dicht gefolgt von der AfD. Ein Blick auf den Gesamt-Stimmenanteil unter Erstwählenden unterstreicht diesen Trend: 27% derjenigen, die am Sonntag zum allerersten Mal dazu aufgerufen waren, ihre Stimme abzugeben, machten ihr Kreuz bei der Linken. Zum Vergleich: die Grünen etwa kommen hier nur noch auf 10% (- 13%). Bei den höheren Altersgruppen kommt die Linke dagegen nur auf je 4–8% Zustimmung (insg. 23% bei allen 35+), was ein überaus niedriger Wert ist.

Ein weiterer Garant des linken Wahlwunders waren daher vor allem Frauen. So gaben etwa 11% der weiblichen gegenüber 7% der männlichen Wählenden der Linke ihre Stimme. Deutlicher wird der Unterschied bei jungen Menschen: bei den 18–24 Jährigen erhält die Linke von 34% der Frauen eine Stimme, während es bei Männern nur 15% sind (bei der AfD ist es übrigens fast genau andersherum). Interessant ist auch der Blick in einzelne Bevölkerungsgruppen: so wählten etwa 34% der Frauen in großen Städten die Linke. Dies ist aber angesichts größerer Zustimmung für die Linkspartei in Städten wie Hamburg (14,4%), Berlin (19,9%), oder Bremen (14,8%) nicht allzu verwunderlich. Auch das (formelle) Bildungsniveau war ein entscheidender Faktor bei dieser Wahl: während nur 5% derjenigen, die einen Hauptschulabschluss haben, links wählten, machten immerhin 23% derjenigen mit Abitur oder mehr ihr Kreuz bei der Linken.

Wir können also konstatieren, dass die Linke vermutlich vermehrt von jungen, gut gebildeten Menschen im urbanen Raum gewählt wurde, von denen möglicherweise eine Mehrzahl weiblich ist (genauere Aussagen sind auf Basis der verfügbaren Daten leider nicht möglich). Die eigentliche Zielgruppe, die klassische “Arbeiter:innenklasse” war die Linke dagegen nicht imstande zu erreichen. Diese Menschen gaben zu 38% ihre Stimme der AfD. Auch Arbeitslose wählten zu 34% die AfD, ebenso 21% der Angestellten. Die Linke erreicht im Vergleich nur 8% der Arbeiter:innen, 13% der Arbeitslosen und 9% der Angestellten. Eine Zustimmung von nur 5% der Rentner:innen steht ebenfalls zur Buche; hier sind CDU (39%) und SPD (24%) nach wie vor führend. Ob all diese Zahlen auch anteilig für das Parteiergebnis gelten, bleibt dagegen offen, wie oben erläutert.

In jedem Falle wird eines klar: in den Bevölkerungsgruppen, die anteilig geringere Anteile von Wahlberechtigten stellen (etwa junge, gebildete Menschen), ist die Linke stark — im Rest der Bevölkerung aber nicht.

Die Aussicht

Bei aller Euphorie um das Comeback der Linken dürfen wir deshalb eines nicht vergessen: etwa die Hälfte der Wählenden haben am Sonntag rechts/konservativ gewählt — und das sind vor allem diejenigen, die die größte Gruppe an Wahlberechtigten stellen. Die Analyse des Wahlergebnisses legt außerdem den Schluss nahe, dass der Wahlerfolg der Linken zu einem nicht unerheblichen Teil Ausdruck eines zivilgesellschaftlichen Protests gewesen ist. Die Linke wurde bei dieser Bundestagswahl vor allem von (jungen) Menschen gewählt und unterstützt, die Angst vor einem konservativen Backslash und einem bundesdeutschen Rechtsruck haben, aber nicht (in erster Linie) weil sie zwangsläufig von einer sozialistischen Politik überzeugt sind. Und das sind — so viel gehört zur Wahrheit auch dazu — vor allem Menschen, die sonst eher SPD oder Grün gewählt hätten; den anderen Parteien konnte die Linke jedenfalls kaum Stimmen abgewinnen. Wir dürfen also nicht der Illusion anheim fallen, dass wir am Beginn einer neuen antifaschistischen und sozialistischen Gegenbewegung zum neoliberalen Rechtsruck stehen. Stattdessen sollten wir nüchtern das Wahlergebnis analysieren, um hieraus für die Zukunft zu lernen.

Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst

Und so liegt viel Arbeit vor der Linkspartei. Diejenigen, die aus Protest und/oder zum ersten Mal ihr Kreuz bei den Linken gemacht haben, müssen langfristig auch von den Vorzügen linker (sozialistischer) Politik abseits von SPD und Grünen überzeugt werden, damit sich ihre Stimme nicht bei der nächsten Wahl schon wieder im Dickicht der bürgerlichen Parteien verliert. Die vielen Neumitglieder müssen produktiv in die Partei integriert werden, ohne dass sie nach ein paar Jahren die Motivation verlieren und in Scharen wieder austreten. Es braucht einen Plan, wie zwischen ihnen und dem etablierten Kern der Partei vermittelt werden kann, ohne dass es öffentlichen Streit gibt. Auch muss dafür gesorgt werden, dass die vielen (neuen) Abgeordneten an einem Strang ziehen; die neugefundene Einheit der Partei darf keine Risse bekommen. Schließlich braucht es, soll der Höhenflug der Linkspartei weitergehen, ernsthafte Diskussionen darüber, wie man breitere Teile der Gesellschaft für sich gewinnen kann.

Wer verändern will, muss auch regieren

Gerade bei außen-, innen- und verteidigungspolitischen Fragen besteht dabei die Gefahr, dass die Linke sich innerlich wieder selbst “zerfleischt” und damit dem linken Projekt insgesamt einen Bärendienst erweist. Will die Linke nämlich wirklich etwas verändern, so muss sie in der Lage sein, sich bestimmten Mehrheiten in der Bevölkerung zumindest anzunähern. Die Linke darf nicht den grünen Fehler machen und die eigene Weltsicht (Klimaschutz) zu einem objektiven moralischen Ideal erheben; vielmehr muss sie pragmatisch agieren und die Mehrheiten annehmen, die die Menschen ihr anbieten. Mehrheiten kann man sich nicht herbei wünschen und man kann sie auch nur in einem gewissen Grade schaffen. Wenn also die Mehrheit der Bevölkerung für höhere Verteidigungsausgaben votiert, darf man die Zustimmung für eine solche Möglichkeit nicht von vornherein dogmatisch ausschließen.

Die Anschaffung eines Iron Domes etwa ist kein verschwendetes Geld in Form von “totem Metall”, wie etwa Jan van Aken das am Wahlabend in der ARD formulierte, oder eine Form der “Aufrüstung” im kriegerischen Sinne, wie es Ines Schwerdtner am Tag nach der Wahl ausdrückte, sondern eine (zumindest mögliche) Investition in unsere Sicherheit. Ja, es gibt sicherlich schönere Investitionen. Aber es gibt eben auch notwendige Investitionen, vor denen man seine Augen nicht verschließen darf. Militär und Links-sein müssen sich nicht notwendigerweise ausschließen (eine Sicht, die leider noch von vielen in der politischen Linken vertreten wird) — schließlich wurden die Nazis im zweiten Weltkrieg auch nicht durch Friedensgespräche in die Knie gezwungen. Hier eine Position zu finden, die das Potenzial hat, neben Wähler:innen von SPD und Grünen auch diejenigen von AfD und CDU zu erreichen, ist daher von unglaublicher Bedeutung. Wer verändern will, muss schließlich (irgendwann) auch (mal) regieren. Wenn das aber nicht angestrebt wird, weil man sonst “unbequeme” Positionen einnehmen muss, ist die Euphorie ganz schnell wieder verflogen — und die linke “Wende” für immer ein verlorener Traum. Zum Glück gibt es eine Mehrheit, auf die sich die Linke zumindest potenziell immer verlassen kann: die Klasse der Lohnabhängigen — wenn da nur die AfD nicht wäre.

Zurück zu den proletarischen Wurzeln?

Eine äußerst bittere Erkenntnis der Bundestagswahl ist, dass ausgerechnet die AfD die neue “Arbeiterpartei” zu sein scheint. Keine andere Partei schneidet bei Lohnabhängigen so gut ab wie die AfD — und das, obwohl deren Wahlprogramm bekanntlich nicht viel für diese Klasse übrig hat. Ziel der Linkspartei muss es also sein, gerade diese Menschen wieder davon zu überzeugen, dass es eine linke Alternative für Deutschland gibt — indem man weiter konsequent materielle Themen anspricht (ohne dabei den Fokus auf andere Gerechtigkeitsfragen zu verlieren, versteht sich).

Eine Strategie kann dabei sein, den vorsichtigen Linkspopulismus, der im Wahlkampf “ausprobiert” wurde, weiter zu verschärfen, um so die Erzählung von Arbeit gegen Kapital wieder salonfähig zu machen. Dabei sollte unbedingt auch wieder ein stärker sozialistisches Vokabular verwendet werden, dass in bürgerlichen Kreisen weitgehend aus der Mode gefallen ist — da dort aber nicht die Masse der Stimmen zu verorten ist, kann dies fürwahr ein notwendiger Gegenentwurf zu der entmenschlichenden Sprache der Rechten sein. In jedem Fall sollte man sich aber nicht zu schade sein, die Taktiken und Spielchen der politischen Agonisten auch selbst auszuprobieren, um dem neoliberalen Kapitalismus mit einer linken Gegenhegemonie entgegenzutreten und so dem rechten Populismus den Wind aus den faschistischen Segeln zu nehmen.

So oder so: es liegt viel Arbeit vor der Linkspartei, aus diesem überraschenden Höhenflug einen Langstreckenflug zu machen, ohne dabei dramatisch abzustürzen. Die Zeit wird zeigen, wie gut dies gelingt.

Fazit

Das Comeback der Linken gibt Hoffnung. Noch ist Deutschland nicht vollends nach rechts abgedriftet, noch müssen wir die Hoffnung auf eine linke “Wende” nicht begraben. Es wird auch weiterhin eine linke Opposition im Bundestag geben, die als Gegenpol zum “Radikalen Konservatismus” (Natascha Strobl) fungiert und entsprechend mediale Aufmerksamkeit erhält. Auch ist die Partei von innen erstarkt, hat wieder klar erkennbare inhaltliche Positionen und neue charismatische Gesichter, die zusammen mit vielen neuen jungen und weiblichen Genoss:innen der Partei neues Leben einhauchen. Das macht Hoffnung.

Gleichzeitig muss man konstatieren, dass die eigentliche Arbeit jetzt erst beginnt. Es gilt, die neuen Mit- und Ohneglieder zu halten, sie vor Ort einzubinden und innerparteiliche Streitereien nicht wieder öffentlich auszutragen. Auch inhaltlich werden einige etablierte Parteikader Abstriche machen müssen, um der Aufbruchsstimmung nicht im Weg zu stehen. So braucht die Linke etwa endlich eine realpolitische Vision für ihre Außen-, Innen-, und Verteidigungspolitik, um sich auf Dauer nicht mit einem naiven Pazifismus lächerlich zu machen. Zudem muss schleunigst eine Strategie entwickelt werden, wie man der AfD den Status der neuen “Arbeiterpartei” wieder wegnimmt und eine breitere Masse der Menschen in diesem Land von einer sozialistischen Vision überzeugt. Die Bundestagswahl ist eine gute Ausgangslage dafür. Sie darf nur nicht leichtfertig verspielt werden.

Und dennoch: die Linke lebt — und damit auch die politische Linke im Allgemeinen. Und das ist jetzt wichtiger denn je. Denn selbst wenn die SPD sich nach diesem Wahl-Debakel für einen Kurs zurück nach links entscheidet, bleibt abzuwarten, wie glaubhaft sie einen solchen Imagewechsel in einer schwarz-roten Koalition unter einem neoliberalen Bundeskanzler Friedrich Merz verkaufen kann. Und auch die Grünen erkennen nach dieser Wahl hoffentlich, dass Klimaschutz nur Erfolg haben kann, wenn er sozialdemokratisch umgesetzt wird. Denn wer den Kapitalismus duldet, egal welch grünen Anstrich er auch haben mag, öffnet dem Faschismus Tür und Tor.

Derzeit ist aber (leider) nur die Linkspartei in der Lage, diesen Zusammenhang zu verstehen. Hoffen wir, dass das nicht so bleibt und andere Parteien sich ihr anschließen —im Wohle unserer Demokratie.

In diesem Sinne: “Auf die Barrikaden!”

Cheers :)

PS: Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem “Donnerstag der Demokratie”?


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