Die Kochstunde
Pad Thai wie in Bangkok, Ofechüechli wie beim Grosi und Gäste von 1 bis 70 Jahre: Wir waren zu Besuch bei Sandra in Rheinfelden.
Die Kochstunde
Pad Thai wie in Bangkok, Ofechüechli wie beim Grosi und Gäste von 1 bis 70 Jahre: Wir waren zu Besuch bei Sandra in Rheinfelden.

Ein bisschen fühle ich mich wie in einer Ferienkolonie, als ich an diesem sonnigen Frühlingsmittwoch im Rheinfelder Augarten-Quartier das Zuhause von Sandra suche. Putzige Steinwege führen zwischen nah beieinander stehenden Häuschen hindurch, die Vögel zwitschern und die Idylle ist perfekt.
Ganz anders in Sandras Küche: Dort steht die Kochlehrerin einer Basler Privatschule mitten in der Vorbereitungsschlacht für das angekündigte Pad Thai. Obwohl stehen ja das falsche Wort ist. Während im Wok der Pak-Choi zischt, hackt sie den Knoblauch, greift nebenbei zur Pfanne, schüttelt kurz, damit nichts anbrennt, springt wieder zurück zum Schneidebrett und nimmt sich dort des Chilis an. Sandra ist in ihrem Element. Im Ofen kriegen währenddessen die Windbeutel ihren letzten Schliff und auf dem Herd zieht die selbstgemachte Tamarinden-Sauce.




Trotz den zackigen Handgriffen: Gestresst wirkt Sandra nicht. Sondern routiniert und entspannt. Und das passt auch zu ihrem Kochstil, wie sie erklärt:
“Wenn ich koche, nehme ich mir Zeit. Zeit zum Abschmecken. Zeit, um im Moment zu versinken. Zeit, um aus dem Alltag zu flüchten.”
Das schmeckt man: Fertigprodukte kommen nicht in ihre Küche. Bis hin zu jedem Teig ist bei Sandra alles selbstgemacht. “Sie erfüllen meinen Anspruch an Qualität nicht”, erklärt sie. Essen muss frisch sein. Meist bio, oft vegetarisch. Der Grund dafür ist einfach: Es sei halt das Richtige. Ethisch korrekt, ökologisch vernünftig und lecker.
“Als ich Mutter wurde, habe ich mich zum ersten Mal so richtig mit den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln auseinandergesetzt,” sagt sie. Wenn man einmal begriffen habe, was Fertigprodukte für Auswirkungen haben, könne man nur noch selber kochen. Die letzte Currypaste aus dem Glas hat sie denn auch nur gekauft, um das Etikett zu studieren und die Paste dann selber nachzukochen. Natürlich ohne Geschmacksverstärker und künstliche Aromen.



Wenn es nach Sandra geht, darf diese Philosophie ruhig auch auf andere abfärben. Darum steht sie heute auch nicht alleine am Herd, sondern wird von ihrer Freundin Monica und ihrer Tochter unterstützt. Eine private Kochstunde? So kann man es sehen, lacht Sandra und präzisiert:
“Für mich ist Kochen eine Friends-and-Family-Affair.”
Und während sie die widerspenstigen Nudeln bändigt, klingeln die ersten Gäste an der Tür. Nachbarn, Freunde und neue Freunde zwischen 1 und 70 Jahren trudeln ein und sofort beginnt ein lebendiges Gespräch. Stefan, der in der Nähe arbeitet, schätzt es, dass er essen kann, kaum ist er angekommen. Sandra, eine Freundin der Gastgeberin, kommt mit ihren zwei Kindern, die ihre Stammplätze sofort in Beschlag nehmen. Und Peter und Ursi wohnen gleich nebenan. Ehrensache, dass sich das Rentnerpaar dazusetzt.



Das Gespräch schwappt hin und her, von der (für mich überraschenden) Freundlichkeit der Zürcher zu geteilten Badezimmern, von den letzten zu den kommenden Ferien, vom Zustand der Schweizer Maschinenindustrie zu jenem der Basler Privatschulen.
Und während wir alle in Diskussionen verstrickt sind, schaut Sandra, dass es uns allen gut geht. Wir leeren unsere Teller, sie füllt sie wieder. Wir leeren unsere Gläser, sie füllt sie wieder. So geht es ein paar Mal, und plötzlich riecht es nach Kaffee und Süssem. Aus einer riesigen Mocca, die sonst nur an Weihnachten zum Einsatz kommt, werden Latte macchiato und Espresso geschenkt. Und die Ofechüechli, wie die Windbeutel ja eigentlich heissen, erinnern uns an gute, alte Zeiten.




Aber wie es so ist, wenn es schön ist: Viel zu schnell ist es auch wieder vorbei. Die Grossen zieht es zurück an die Arbeit, die Kleinen auf den Spielplatz, und während Sandra ihren Gästen noch ein Glas selbstgemachten Mango-Senf mit auf dem Weg gibt, kehrt in ihrem Zuhause Ruhe ein. Als sie mich zur Bushaltestelle begleitet, verrät sie mir:
“Mit Margrit erfülle ich mir meinen Traum vom eigenen Restauräntli — im Kleinen und ganz ohne Risiko.”
Und wenn sie mit ihrer Liebe zum Kochen noch etwas für eine gesunde Ernährung tun könne, umso besser. Die Bustüren schliessen sich bereits, da drückt sie auch mir noch ein Glas Mango-Senf in die Hand und ich bin mir sicher: Nach Rheinfelden komme ich gerne wieder. Nicht nur, um das Weckglas zu retournieren.
메타데이터
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- 2026-09-01 18:37:57