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Außenseiter und Repräsentant

Kapitel 87 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2025-12-07 03:03 · 0 claps · 4.8 min read
#fernsehen #geiz #personas #hanns-joachim-friedrichs
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Außenseiter und Repräsentant

Kapitel 87 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Preislos, aber ohne Geldwert: Auch als er den prestigeträchtigen Grimme-Preis erhält, spielt WM die Rolle des geizigen Exzentrikers (Illustration: Google’s DeepMind Imagen).

Preislos, aber ohne Geldwert: Auch als er den prestigeträchtigen Grimme-Preis erhält, spielt WM die Rolle des geizigen Exzentrikers (Illustration: Google’s DeepMind Imagen).

“Gegen die Erhöhung der Postleitzahlen!”

Für anreisende Journalisten gibt er mal ein Käseberge vertilgendes Ekel, das bedauert, die Rezepte der Kannibalen nicht zu kennen; mal den „Sherlock Holmes der Supermärkte“, der „mit seinem 4,2-Liter-Auto zu einem fünf oder zehn Kilometer entfernten Gemüseladen fährt, weil es dort das Pfund Tomaten ein paar Pfennige billiger gibt“ oder aus demselben Grund Übergepäck bezahlt, um Lebensmittel kofferweise aus Berlin ins neppige Sylt einzufliegen. Der mit allen Preisen Vertraute bemerkt pressewirksam, als er zum zweiten Mal mit dem angesehenen Grimme-Preis geehrt wird, dass der „leider nicht dotiert ist“. Sind genügend Zeugen oder Fernsehkameras anwesend, legt der Mann mit dem sechsstelligen Jahreseinkommen beim Sortieren alter Zeitschriften auch gerne mal ein zerlesenes Blättchen mit der Bemerkung beiseite:

„Das hebe ich auf, das kann ich später vielleicht mal verkaufen.“

Sein Geiz vor allem soll über jeden Zweifel erhaben sein. Die demonstrative Anstrengung, unnötige Ausgaben zu vermeiden und zusätzliche Einnahmen zu erlangen, erstreckt sich über alle Lebensbereiche und schont weder Freund noch Feind, weder Lust noch Liebe, weder Gefühl noch Verstand.

„Gespräche mit Wolfgang Menge gehen fast immer auch über Geld“, sagt Günter Rohrbach. „Daraus schließen zu wollen, er sei geldgierig oder gar geizig, wäre absolut unsinnig. Sein Verhältnis zum Geld ist immateriell, jedoch gleichwohl lustorientiert. Ihn interessiert fast ausschließlich die Spanne zwischen dem Angebot und dem, was er für angemessen hält. Bei Honoraren wie bei Preisen. Drehbuchgespräche mit ihm sind erst dann sinnvoll, wenn er vorher Gelegenheit hatte, in einem der nahegelegenen Kaufhäuser auf Jagd zu gehen. Ein Kilo Apfelsinen und eine Dose Rollmöpse, günstig erworben, befriedigen ihn völlig. Ein missgelaunter Menge ist stets einer ohne ein solches Erfolgserlebnis.“

Wolfgang weiß selbstverständlich bestens um den Rollenspiel-Charakter seines Geizes. Selbstironisch fordert er verbraucherfreundliche Sparsamkeit ein: „Gegen die Erhöhung der Postleitzahlen!“ Gleichzeitig handelt er immer wieder großzügig. Zum Beispiel verkauft er vor Mauerfall und Wiedervereinigung, als wir beide neue Apple-Computer erwerben, sobald sie herauskommen, seine abgelegten und noch so gut wie neuwertigen Macs nicht gegen gutes Geld in West-Berlin, wie ich es tue, sondern lässt sie von Marlies in den Osten schmuggeln und an DDR-Autoren verschenken. Solche guten Taten freilich verschweigt er eisern. Spräche sich dergleichen herum, sagt er zu mir, wäre ihm das peinlich. Was er meint: Sein Ruf als schrulliger Geizhals könnte Schaden nehmen.

Das Rätsel um WMs Persona

In den siebziger und achtziger Jahren steigt WM so zum allseits beachteten Medien-Kauz auf — als Molièrsche Mischung aus Geizigem und Menschenfeind oder, wie sein Freund Hans Janke beobachtet, als „glatzköpfiger Grobian und geldgieriger Gourmet“. Kein anderer Fernsehautor genießt so viel Aufmerksamkeit und Ruhm wie WM; und auch nur wenige andere Bundesdeutsche, falls sie nicht Schauspieler oder Politiker sind. Warum?

Das ist die doppelte Frage: Warum kapriziert sich WM auf diese Persona? Und warum kommt sie bei Presse und Publikum so gut an?

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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Ich denke, weil WM in den Schrullen seiner Person kollektive Ängste repräsentiert und zugleich ironisiert, die in der Nachkriegszeit weit verbreitet sind. Seine Selbstinszenierung gestaltet Erfahrungen und innere Konflikte der Zwischenkriegsgeneration, geboren im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die in den siebziger Jahren noch die Bevölkerungsmehrheit bildet. Diese Männer und Frauen litten wie WM in ihrer Kindheit und Jugend unter Not und Entbehrungen. Nun leben sie in einer Wohlstandsgesellschaft. Deren Alltag dominieren Überfluss und hochentwickelte Verschwendung. Geiz wie Gefräßigkeit scheinen verständliche Reaktionen für alle, die einmal gehungert haben und befürchten müssen, dass der Schlaraffenland-Überfluss des Geldes und der Supermärkte so plötzlich verschwinden könnte, wie er gekommen ist.

Als ich Wolfgang 1987 kennenlerne, haben seine persönliche Ausstrahlung und öffentlichen Auftritte mindestens ebenso zu seiner Popularität beigetragen wie seine außerordentlichen künstlerischen Leistungen. Nicht als erfolgreichster Autor des bundesdeutschen Fernsehens, sondern als Celebrity hat er das Team von Radio Bremen in seinem Sylter Haus. Der Kurzfilm soll die wiedererkennbaren Elemente seiner Persona dokumentieren — und damit seine Identität erratbar und das Quiz gewinnbar machen.

Schon eine Weile rutscht Wolfgang auf den Polstern hin und her. Immer wieder wirft er einen unruhigen Blick die Treppe hinauf. Im ersten Stock, in dem das Arbeits- und die Schlafzimmer liegen, rumort das Fernsehteam. Die sonore Stimme des Tagesthemen-Moderators ist zu hören. Wolfgang gibt sich einen Ruck und steht auf.

„Ich muss kontrollieren, was die da oben treiben!”

Slapstick auf Sylt

Im Obergeschoss steht Hanns Joachim Friedrichs vor einem Stapel Spiele, die in einträchtigem Durcheinander in einem Regal lagern:

„Wer hier wieder eingeladen werden will“, spricht er ins Mikrofon, „sollte daran denken, dass der Hausherr nicht verlieren kann –“

„Woher willst du das wissen?“, ruft Menge dazwischen.

„Na hör mal”, verteidigt sich Friedrichs, “ich spiele schon jahrelang mit dir!“

„Aber ich“, meint Wolfgang mit böser Unschuld, „habe dabei noch nie verloren!“

Befriedigt schreitet er die Treppe wieder hinunter ins Erdgeschoss. Sein Weg führt ihn in Richtung Küche. Plötzlich ein Aufschrei:

„Hach, das habe ich mir doch gedacht!“ Wolfgang steht vor der Keksdose: „Nur ein einziger ist noch da!“

Ein schneller Seitenblick, und schon ist der Keks in seinem Schlund verschwunden. Noch schluckend sieht er mich triumphierend an:

„Den haben die“ — er deutet nach oben — „wohl nicht mehr runtergekriegt, da ist ihnen schon schlecht gewesen.“

Treffende Unwahrheiten

Mein Blick fällt auf eins der vielen Porzellanbretter mit Sinnsprüchen, die an der Wand hängen: „Gänse- oder Hasenbraten möcht’ ich Dir zum Frühstück raten.“

„Habe ich vor Jahrzehnten billig gekauft“, sagt Wolfgang, „könnte ich heute gar nicht mehr bezahlen.“

Dann rennt er ohne ersichtlichen Grund davon. Ich mache mir Notizen. Die Dreharbeiten nähern sich ihrem Ende. Hanns Joachim Friedrichs plaudert mit der stern-Fotografin Karin Rocholl, die auch ihn einmal porträtiert hat.

„Welche Motive haben Sie denn mit Menge fotografiert?“

Bevor die Befragte antworten kann, kommt Wolfgang aus der Küche geschossen und geht dazwischen:

„Bei mir war das was anderes als bei dir. Da brauchte sie keine Motive, ich habe ja einen Kopf. Das reichte.“

„Ja“, stimmt Friedrichs ihm zu, „zumal die Aussicht darauf durch kein Haar getrübt wird.“

„Seht ihr“, sagt Wolfgang und schaut stolz in die Runde, „der Hanns und ich, wir wären perfekt als Gastgeber einer Talkshow.“

Das Team reagiert schweigend, ebenso beeindruckt wie benommen von dem Tempo, mit dem Wolfgang liebevolle Gemeinheiten und treffende Unwahrheiten um sich schießt und dabei das Zerrbild nicht schont, das er von sich inszeniert. Auch dazu verpflichtet seine Persona.

Ihr Autor schaut, höchst zufrieden in der gepflegten Schutzhaut seiner Schrullen, hinaus in den wolkenverhangenen Himmel über Sylt.

„Ja“, meint er versonnen, „ich glaube, wir wären so gute Gastgeber, wir bräuchten in unserer Talkshow gar keine Gäste.“

***

Vorheriges Kapitel: 86 WMs Persona

Nächstes Kapitel: **88 Der Spieler**

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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