← Back to list

Warum die Welt so zerrissen ist — und was wirklich helfen würde

Eine ehrliche Bestandsaufnahme zwischen Quantenphysik, Lao Tzu und Carl Gustav Jung

Ulrich Modler · 2026-06-12 23:13 · 0 claps · 8.0 min read
#spiritualität #persönlichkeitentwicklung #bewusstsein #gesellschaft #selbstreflexion
Open on Medium ↗
Wiki topics: ML · Machine Learning 🔧 · Data Engineering 🧘 · Spirituality

Warum die Welt so zerrissen ist — und was wirklich helfen würde

Eine ehrliche Bestandsaufnahme zwischen Quantenphysik, Lao Tzu und Carl Gustav Jung

Es gibt einen Moment, der für viele Menschen heute zur täglichen Routine geworden ist: Du schaltest das Handy ein. Du scrollst durch Schlagzeilen. Und nach drei Minuten spürst Du diese Mischung aus Wut, Erschöpfung und einer leisen, unerklärlichen Traurigkeit.

Du bist nicht allein damit. Und es liegt nicht an Dir.

Wir leben in einer Zeit, in der die Spaltung allgegenwärtig geworden ist. Politisch. Gesellschaftlich. Medial. Manchmal sogar in Freundschaften und Familien. Wer noch vor zehn Jahren bei einem Kaffeegespräch über Themen wie Klimawandel, Migration, Geschlecht oder Krieg sprechen konnte, bemerkt heute, wie schnell die Stimmung kippt. Es ist nicht mehr nur Meinungsverschiedenheit. Es ist Lager-Bildung.

Und das Seltsame daran: Niemand will diese Spaltung. Wir alle leiden darunter. Aber niemand weiß, wie sie aufhört.

In diesem Artikel möchte ich Dir eine Perspektive vorstellen, die ich in den letzten Jahren beim Schreiben eines Buches entwickelt habe. Eine Perspektive, die Wissenschaft, alte Weisheit und moderne Psychologie zusammenbringt — nicht als esoterische Vermischung, sondern als sauber unterscheidbare Sichtweisen auf dasselbe Phänomen.

Vorweg: Ich habe keine Patentlösung. Aber ich glaube, dass wir das Problem oft am falschen Ende anpacken.

Der Auseinanderwerfer

Die griechische Sprache hat ein Wort, das mich seit Jahren nicht loslässt: Diabolos. Wir kennen es heute fast nur noch als religiösen Begriff für den Teufel. Aber die ursprüngliche Bedeutung ist viel präziser: dia-ballein — auseinanderwerfen.

Der Diabolos ist nicht ein Wesen mit Hörnern. Er ist eine Bewegung. Eine Kraft, die zusammengehörendes auseinanderreißt. Die Brücken zerschlägt. Die Verbindungen kappt. Die das Bild eines anderen Menschen vergröbert, bis aus einem komplexen Wesen ein Feindbild geworden ist.

Wenn Du in dieser Sprache denkst, erkennst Du den Diabolos überall:

  • In Algorithmen, die uns Inhalte zeigen, die uns wütend machen, weil Wut die längste Verweildauer erzeugt
  • In Talkshows, in denen Komplexität auf zwei gegensätzliche Positionen reduziert wird
  • In den eigenen inneren Stimmen, die uns von uns selbst entfremden — die uns sagen, wir seien nicht genug, nicht richtig, nicht in Ordnung
  • In Beziehungen, in denen wir aufhören, das Gegenüber als Mensch zu sehen, und nur noch ein Etikett wahrnehmen

Das griechische Wort hat ein Gegenstück: Symbolon. Wörtlich: das Zusammengeworfene. Daher kommt unser Wort Symbol. In der Antike war ein Symbolon ein zerbrochenes Tonstück, dessen zwei Hälften zwei Freunde, getrennt durch eine lange Reise, mit sich trugen. Wenn sie sich irgendwann wieder trafen, konnten sie die Hälften zusammenfügen — und sich so wiedererkennen.

Diabolos zerwirft. Symbolon fügt zusammen.

Diese zwei Bewegungen sind die Grundkräfte unseres Lebens. Sie kämpfen miteinander in der Welt — und in jedem von uns.

Was die Quantenphysik wirklich sagt

An dieser Stelle wird es heikel. Denn sobald man von Quantenphysik und Bewusstsein im selben Satz spricht, taucht ein berechtigter Verdacht auf: Esoterik-Schwurbelei.

Es gibt einen ganzen Markt von Büchern, die der Quantenphysik Dinge unterstellen, die sie nie behauptet hat: Du könntest mit der Kraft Deiner Gedanken einen Sportwagen manifestieren, weil “alles Energie ist”. Das ist — seien wir ehrlich — Unsinn.

Aber die seriöse Quantenphysik sagt tatsächlich erstaunliche Dinge. Sie sagt zum Beispiel:

  • Materie ist auf der kleinsten Ebene keine feste Substanz, sondern ein Schwingungsmuster aus Energie und Information.
  • Teilchen können in Überlagerungszuständen existieren (Superposition) — also gleichzeitig mehrere mögliche Zustände einnehmen, bis sie beobachtet werden.
  • Verschränkte Teilchen bleiben verbunden, egal wie weit sie voneinander entfernt sind. Eine Veränderung am einen Teilchen zeigt sich sofort am anderen.

Was bedeutet das für uns? Wissenschaftlich gesichert: erstmal nichts für unser Alltagsleben. Quanteneffekte spielen sich auf einer Ebene ab, die im Großen unsichtbar bleibt.

Aber — und hier wird es interessant — die philosophische Konsequenz ist tiefgreifend. Die Vorstellung einer Welt aus isolierten Objekten, die nur durch mechanische Kräfte aufeinander einwirken, ist physikalisch überholt. Die Wirklichkeit auf ihrer fundamentalsten Ebene ist relational. Sie besteht aus Beziehungen.

Eine Hypothese, die zwei Wissenschaftler — Dr. Rulin Xiu (Physikerin, Berkeley) und Dr. & Master Zhi Gang Sha — in den letzten Jahren entwickelt haben, fasst es so: Die drei Aspekte allen Daseins sind Information, Energie und Materie. Nicht nur Materie und Energie (wie die klassische Physik annimmt), sondern auch Information als eigenständiger Aspekt.

Das ist keine bewiesene Wissenschaft. Das ist eine Brücken-Hypothese — ein ernsthafter Versuch, Wissenschaft und alte Weisheit in einer gemeinsamen Sprache reden zu lassen.

Und plötzlich ergibt vieles Sinn. Wenn Information ein eigenständiger Aspekt der Wirklichkeit ist, dann hat das, was wir denken und fühlen, strukturelle Konsequenzen — nicht nur metaphorische. Was wir “Stimmung in einem Raum” nennen, ist dann nicht nur subjektive Wahrnehmung. Es ist ein realer Informationszustand, der wirkt.

Was Lao Tzu schon wusste

Vor etwa 2500 Jahren schrieb ein Mann in China einen kleinen Text, der bis heute zu den meistgelesenen Büchern der Welt gehört. Lao Tzu, Verfasser des Tao Te King, beschreibt in einem berühmten Vers (Kapitel 42) eine Kosmogonie, also eine Entstehungsgeschichte der Welt:

Aus dem Tao kommt die Eins. Aus der Eins kommen die Zwei. Aus der Zwei und der Eins zusammen kommen die Drei. Aus der Drei kommen die zehntausend Dinge.

Das klingt mystisch. Es ist aber bemerkenswert präzise.

Aus dem Unaussprechlichen (Tao) entsteht zunächst Einheit. Aus der Einheit entsteht die Dualität — das Yin und Yang, hell und dunkel, aktiv und empfangend. Aber die Dualität ist nicht das Endstadium. Aus der Dualität entsteht etwas Drittes — etwas, das beide Pole umfasst und doch über sie hinausgeht.

Hier liegt vielleicht der wichtigste Hinweis für unsere Zeit:

Spaltung entsteht, wenn wir in der Zwei steckenbleiben. Heilung entsteht, wenn wir die Drei finden.

Die Drei ist nicht der laue Kompromiss zwischen zwei Lagern. Sie ist nicht Mittelweg im banalen Sinne. Sie ist die Sicht von einem höheren Punkt, von dem aus beide Pole als Teile eines größeren Ganzen sichtbar werden.

Wer politisch gerade auf einer Seite festsitzt, kennt diesen Schmerz: Die andere Seite erscheint nicht nur falsch, sondern gefährlich. Und doch — im stillen Moment, wenn man ehrlich ist — ahnt man, dass die eigene Seite auch nicht die ganze Wahrheit hat.

Lao Tzu lädt uns ein, die Drei zu suchen. Den Punkt, von dem aus beide Seiten ihre Berechtigung haben und ihre Beschränkung. Das ist nicht Indifferenz. Das ist Reife.

Der eigene Anteil: C. G. Jungs Schatten

Aber es wäre zu einfach, alle Spaltung nur draußen zu suchen. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung hat im 20. Jahrhundert ein Konzept entwickelt, das vielleicht das wichtigste psychologische Werkzeug für unsere Zeit ist: den Schatten.

Der Schatten, sagt Jung, ist alles in uns, was wir nicht sein wollen. Die Wut, die wir uns nicht erlauben. Die Schwäche, die wir verstecken. Die Eifersucht, die wir uns nicht eingestehen. Die Bedürftigkeit, die wir vor uns selbst leugnen.

Das Problem ist: Was wir in uns nicht sehen, sehen wir umso lauter bei anderen.

Wer seinen eigenen Schatten nicht kennt, projiziert ihn in die Welt.

Und das, glaube ich, ist einer der wahren Treiber der politischen Spaltung unserer Zeit. Wir kämpfen nicht nur gegen Ideen, die uns wirklich gefährlich erscheinen. Wir kämpfen oft gegen unsere eigenen, verdrängten Anteile, die wir in den anderen entdecken.

Der oder die wirklich konservative Mensch sieht in den Progressiven oft die eigene unausgelebte Sehnsucht nach Freiheit — und verachtet sie dafür. Der oder die wirklich progressive Mensch sieht in den Konservativen oft die eigene unausgelebte Sehnsucht nach Ordnung — und verachtet sie dafür.

Wer seinen eigenen Schatten anschaut — ehrlich, ohne ihn zu beschönigen, aber auch ohne sich selbst dafür zu verdammen –, dem verliert die Welt ihre Feindbilder. Nicht weil die anderen plötzlich alle nett werden. Sondern weil man sie nicht mehr braucht, um sich selbst nicht ansehen zu müssen.

Verbindung als nüchterner Forschungsgegenstand

Das Sehnsucht nach Verbindung wird in unserer Kultur oft als weicher, gefühliger Wert behandelt. Aber die Forschung der letzten 50 Jahre zeigt etwas anderes.

Die berühmteste Langzeitstudie der Welt zur Frage, was Menschen gesund und glücklich macht, ist die Harvard Study of Adult Development. Sie läuft seit 1938. Sie hat tausende Menschen über ihr gesamtes Leben begleitet. Sie hat alle Daten erhoben, die man sich vorstellen kann.

Das Ergebnis, in einem Satz von Robert Waldinger, dem aktuellen Studienleiter:

“Gute Beziehungen halten uns glücklicher und gesünder. Punkt.”

Nicht Geld. Nicht Karriere. Nicht Berühmtheit. Nicht einmal Gesundheit im engeren Sinne. Sondern die Qualität unserer Beziehungen ist der einzelne stärkste Prädiktor für ein erfülltes Leben.

Und das ist nicht weiche Esoterik. Das ist harte Statistik aus 85 Jahren Datenerhebung.

Was bedeutet das für unsere zerrissene Zeit? Es bedeutet, dass die Spaltung nicht nur ein politisches Problem ist. Sie ist ein Gesundheitsproblem. Wer keine echten Verbindungen mehr hat — wer in einer Welt von Lagern, Etiketten und reduzierten Feindbildern lebt — lebt buchstäblich kürzer und kränker.

Verbindung ist nicht das Sahnehäubchen auf einem guten Leben. Sie ist das Fundament.

Was wir tun können

Du wirst diesen Artikel zu Ende lesen, und vielleicht hast Du das Gefühl: Schön analysiert, aber was nun?

Ich glaube nicht an einfache Lösungen für komplexe Probleme. Aber ich glaube an kleine, beständige Bewegungen, die mit der Zeit alles verändern. Drei davon möchte ich Dir mitgeben:

Erstens: Beobachte den Diabolos. Wenn Du das nächste Mal beim Scrollen Wut aufsteigt — pausiere. Frage Dich: Was wirft hier gerade auseinander, was zusammengehört? Welches komplexe Wesen wird hier zu einem Feindbild reduziert? Diese Beobachtung allein — ohne weitere Handlung — beginnt etwas zu verändern.

Zweitens: Suche die Drei. Wenn Du Dich gerade auf einer Seite eines Streits findest — politisch, privat, beruflich — stelle Dir die Frage: Was ist die Sicht, von der aus beide Seiten ihre Berechtigung haben? Du musst nicht aufhören, eine Position zu haben. Aber Du kannst aufhören, die andere Seite zu dämonisieren.

Drittens: Pflege die Verbindungen. Ruf den Menschen an, dessen Stimme Du seit Monaten nicht gehört hast. Triff den alten Freund, statt nur Memes zu liken. Schalte das Handy aus, wenn Dein Kind etwas sagt. Diese kleinen Dinge sind nicht klein. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn alles andere weggespült wird.

Eine letzte Gedankenwendung

Das alte griechische Wort für Symbol — Symbolon — hatte, wie wir gesehen haben, eine sehr konkrete Bedeutung: ein zerbrochenes Tonstück, dessen zwei Hälften zwei Menschen, die sich liebten, voneinander trennten, bevor sie sich auf eine lange Reise verabschiedeten.

Sie trugen die Hälften mit sich. Manchmal jahrelang. Und wenn sie sich irgendwann wiedersahen, fügten sie die Bruchstücke zusammen. Erkannten sich wieder.

Vielleicht ist das ein Bild für unsere Zeit. Wir tragen alle Bruchstücke mit uns. Bruchstücke von Beziehungen, von Wahrheiten, von Bedeutungen, die wir verloren haben. Die Aufgabe ist nicht, sich selbst zu vervollkommnen. Die Aufgabe ist, die Bruchstücke wiederzuerkennen. Sie zusammenzufügen. Wieder ganz zu werden.

Im Großen und im Kleinen.

In unserer Welt. Und in uns selbst.

Wenn dieser Artikel etwas in Dir berührt hat

Die Themen, die ich hier nur anreißen konnte, habe ich gemeinsam mit meiner Frau Yasemin in einem Buch ausführlich behandelt. »Wieder ganz — Warum die Welt so zerrissen ist und wie Du in ihr zu Dir selbst findest« verbindet auf 250 Seiten Quantenphysik, alte Weisheit, C. G. Jungs Schattenarbeit und praktische Werkzeuge zu einem Wegweiser durch unsere fragmentierte Zeit.

Das Buch ist für Menschen geschrieben, die nicht zwischen Skepsis und Spiritualität wählen wollen. Die beides können wollen: kritisch denken und offen bleiben.

Es enthält neben den Hauptkapiteln auch einen Anhang mit 12 Wegweisern für Dein bewusstes Leben sowie eine 30-Tage-Praxis für den Alltag — konkret und ohne esoterischen Schnickschnack.

👉 Hier auf Amazon erhältlich:

Kindle E-Book: https://www.amazon.de/dp/B0H4WKN51C

Taschenbuch: https://www.amazon.de/dp/B0H4X8GWQK

Wenn Du den Artikel mochtest und mehr von solchen Gedanken lesen willst: Folge mir hier auf Medium, oder besuche unsere Webseite transform-in-joy.com.

Danke fürs Lesen. Und — wenn ich Dir nur eines mitgeben darf: Pass gut auf Dich auf. Und auf die Verbindungen, die Dich tragen.

Ulrich & Yasemin Modler Autoren von »Wieder ganz«


메타데이터
post_id
ec6fb2d3c5ba
slug
warum-die-welt-so-zerrissen-ist-und-was-wirklich-helfen-würde-ec6fb2d3c5ba
url
https://medium.com/@ulrich.modler/warum-die-welt-so-zerrissen-ist-und-was-wirklich-helfen-w%C3%BCrde-ec6fb2d3c5ba
canonical_url
https://medium.com/@ulrich.modler/warum-die-welt-so-zerrissen-ist-und-was-wirklich-helfen-w%C3%BCrde-ec6fb2d3c5ba
author_url
https://medium.com/@ulrich.modler
status
ok
fetched_at
2026-06-29 01:02:39