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Mauerfälle

Kapitel 96 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2026-02-08 03:56 · 0 claps · 5.6 min read
#fernsehen #1980er #berliner-mauer #udo-lindenberg #wiedervereinigung
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Mauerfälle

Kapitel 96 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

“Die Mauer wird noch in hundert Jahren stehen!” — Was die junge Ostdeutsche an Sylvester 1989 in West-Berlin wütend schreit, lässt WM kalt. Er ist alt genug, um es besser zu wissen (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

“Die Mauer wird noch in hundert Jahren stehen!” — Was die junge Ostdeutsche an Sylvester 1989 in West-Berlin wütend schreit, lässt WM kalt. Er ist alt genug, um es besser zu wissen (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

In 15 Minuten sind die Russen …

Am Abend des 9. November 1989 kocht Wolfgang. Er hat Barbara Naumann eingeladen. Die beiden haben sich ziemlich genau ein Jahr zuvor kennengelernt, Ende November 1988.

Barbara ist meine Kollegin am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Dort unterrichte ich, neben meiner freien journalistischen Arbeit für den stern. Vor ein paar Jahren hat Barbara unter dem punkigen Pseudonym Barbara Streusand einen Song geschrieben, den Udo Lindenberg zum Hit machte: „In 15 Minuten sind die Russen am Kurfürstendamm …“ Mit den Tantiemen finanzierte sie ihre Dissertation. Eine Weile war sie in den USA und lernte Thanksgiving lieben. Im November 1988 hatte sie gerade promoviert und veranstaltete ein großes Truthahn-Dinner in ihrer Steglitzer Altbauwohnung.

Thanksgiving ist ein Fest, zu dem man alle einlädt, die sonst einsam feiern müssten. Ich brachte Wolfgang mit. Er saß inmitten der großen Tafel und war natürlich unter den vielen jungen Akademikern, von denen die meisten bald Professuren bekommen sollten — Barbara erst in Hamburg, dann an der Universität Zürich –, mit Abstand der älteste und prominenteste Gast. Er plauderte charmant und witzig, zumal er sich auf Anhieb in die blonde Gastgeberin verguckt hatte. Als das Essen kam, beschwerte er sich aber lautstark — als überrasche ihn, was an Thanksgiving serviert wird. Truthahn, erklärte er jedem, der es hören wollte, sei ein verachtenswerter und gänzlich ungenießbarer Vogel.

Umso besser schmeckten ihm später Barbaras selbstgebackene Plätzchen. Als er beim besten Willen keine mehr vertilgen konnte, stopfte er sich mit ihnen die Taschen voll. Barbara erinnert sich, wie er „beim Gehen im ganzen Treppenhaus, wie einst Hänsel und Gretel im Wald, eine Krümelspur hinterließ“.

Auch diesmal, ein Jahr später, am 9. November 1989, gerät das Abendessen — und was ihm nach Wolfgangs Planung folgen sollte — gänzlich aus der Bahn.

„Wir gingen zwischen Küche und Tisch hin und her“, sagt Barbara, „und im Fernsehen lief die Maueröffnung, die wir erst nach und nach bemerkten. Dann starrten wir fast ungläubig auf das Geschehen.“

Massenausbruch in Moabit

Fünfzehn Kilometer entfernt, in Moabit, liegen Elke und ich im Bett. Der Fernseher läuft, eine Talkshow, aber ich bin weggenickt. Da klingelt das Telefon, kurz nach 23 Uhr.

„Bist du noch wach?“, fragt Michael Jürgs aus Hamburg, mein Freund und Chefredakteur beim stern.

„Jetzt wieder“, antworte ich.

„Gut“, sagt Jürgs. „Die Zonis sind nämlich ausgebrochen. Die sollen bei euch auf den Straßen frei herumlaufen. Du wohnst doch an der Mauer. Schau mal aus dem Fenster.“

„Unsere Wohnung ist im Hinterhaus“, sage ich.

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Aber Elke und ich ziehen uns wieder an, treten aus der Haustür, gehen die paar Schritte bis zu Alt-Moabit — und in der Tat, ganze Kolonnen eigentümlich gekleideter Menschen kommen uns entgegen, im Schnellschritt. Weiter unten, in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße, liegt die Justizvollzugsanstalt Moabit. Die Szene gleicht einem Massenausbruch.

„Wo wollen Sie hin?“, frage ich. Schließlich bin ich stern-Reporter, und Reporter stellen Fragen.

„Zum Ku’damm“, rufen mehrere im Chor zurück, ohne aber stehenzubleiben. „Ist das noch weit?“

„Zu Fuß? Mindestens 40 Minuten“, sage ich. „Mit dem Auto nur eine Viertelstunde.“

„Haha“, schallt es zurück.

Schrödingers Mauer

Oder mit dem Panzer, denke ich: „In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm, / Sie lassen ihre Panzer im Parkhaus stehn, / Und wollen im Café Kranzler die Sahnetörtchen sehn.“

In vollkommener Ahnungslosigkeit. Denn zu dieser Stunde weiß ich nicht, dass Barbara diese populären — jedenfalls in West-Berlin sehr populären — Zeilen geschrieben hat. Das wird sie erst Jahrzehnte später bei ihrem 65. Geburtstag enthüllen. Und ich vermute auch nicht im Geringsten, dass sie und Wolfgang gerade gebannt vor dem großen Fernseher in der Klopstockstraße sitzen und verfolgen, was am Grenzübergang Invalidenstraße passiert. Dorthin laufen Elke und ich nun, dem Strom der Menschen entgegen.

Kurz nach zwei Uhr morgens sind wir vor dem Springerhochhaus an der Kochstraße. Zeitungsjungen verteilen kostenlose Extrablätter. Verlagsgründer Axel Springer hat diese Erfüllung seines Traums nicht mehr erlebt. Alle Zeitungen, unter denen ich wählen kann — von Bild aufwärts –, stehen auf meiner No-No-Liste. Ich denke an Wolfgang und nehme eine BZ. Weil er für die einmal gearbeitet hat. Die Schlagzeile lautet: „Die Mauer ist weg.“ Dummerweise steht sie noch, in Sichtweite selbst für Kurzsichtige, nur ein paar Meter entfernt. Wie gezählt ihre Tage in der Tat sind, kann ich mir in diesem Morgengrauen nicht vorstellen.

Siebeneinhalb Wochen später feiern wir Sylvester in unserem Moabiter Dachgeschoss. Der Plan ist, gegen 23 Uhr durch den offenen Grenzübergang am Brandenburger Tor in den Osten zu fahren und den Anfang des neuen Jahres auf der anderen Seite der Mauer zu erleben. Nur Wolfgang will nicht mit in den Osten:

„Das wird mir zu spät.“

Außerdem wird er noch viele Silvester auf Unter den Linden feiern können, meint er, nun, da die Wiedervereinigung Wirklichkeit wird.

„Ich halte es für total schwachsinnig, davon auszugehen, dass die Situation, so wie sie ist, nun für alle Zeiten so auch bleiben wird“, hat er schon 1978 zur deutschen Teilung erklärt, in einem Gespräch über seine Ost-West-Satire Grüß Gott, ich komm von drüben. „Es mag heute nicht in die Zeit passen, aber ich halte es für unhistorisch, glauben zu wollen, dass es für alle Ewigkeit zwei deutsche Staaten geben wird.“

Noch Ende Dezember 1989 steht er mit seiner Gewissheit der Wiedervereinigung recht allein da, im Westen wie im Osten.

Drei Dinge sind mir denn auch von den vier Stunden zwischen 19 und 23 Uhr am 31. Dezember 1989 in Erinnerung: der Kartoffelsalat mit Bergen von Kaviar, günstig erworben von fliegenden russischen Händlern, den Elke vorbereitet hat, die White-Lady-Cocktails, die sie in einem fort mixt, und die schier endlosen Diskussionen über „die Mauer“ — die natürlich doch enden, im Streit nämlich.

Gibt es eine österreichische Lösung?

Wenn ich auf die wenigen Fotos schaue, die wir an dem Abend gemacht haben, erkenne ich viele Gesichter nicht mehr — ein Dutzend junger Leute, die meisten Mitte zwanzig bis Mitte dreißig, zwischen denen Wolfgang Buddha-like lächelnd thront. Elkes recht steife White Ladies haben ihn schon früh am Abend angeschlagen. Was ihn nicht daran hindert, steten Nachschub anzufordern.

Sven Michaelsen, ein stern-Kollege, ist mit seiner Freundin gekommen. Und Matthias Matussek ist da. Ich kenne ihn seit Studientagen. Wir haben zusammen beim stern angefangen, jetzt berichtet er als Spiegel-Reporter aus der Noch-DDR. Matthias allerdings hat gleich zwei Begleiterinnen eingeladen, eine aus dem Westen, eine aus dem Osten — was nicht gut gehen kann, wie Elke sofort bemerkt. Und das tut es auch nicht. Am Ende weinen beide Frauen, die eine aus Eifersucht, die andere aus politischer Verzweiflung.

Der „Fall der Mauer“, denken damals die meisten von uns — auch ich –, werde zu einer „österreichischen Lösung“ führen. Was heißen soll: In Mitteleuropa wird es bald drei unabhängige Länder deutscher Sprache geben, neben dem Nato-Mitglied Bundesrepublik und dem neutralen Österreich eben die ehemalige DDR als weiterer blockfreier Staat.

„Österreichische Lösung?“, lacht Wolfgang böse. „Das hatten wir doch schon mal, ich glaube, der hieß Hitler …“

Er ist wieder einmal mit Abstand der Älteste, aber er ist nicht der einzige Dissident. Am anderen Ende des politischen Spektrums argumentiert die Ostberlinerin. Sie ist die Jüngste im Raum, Anfang zwanzig. Den Gedanken an eine „Wiedervereinigung“ hält sie für ebenso absurd wie obszön. Ein Ende der DDR kann sie sich weder vorstellen noch eine solche Vorstellung ertragen, auch nicht in der milderen „österreichischen“ Variante.

„Ihr seid alles Arschlöcher“, brüllt sie schließlich unter Tränen: „Die Mauer wird noch in hundert Jahren stehen!“

„Wenigstens nicht in tausend“, nuschelt Wolfgang, sich an einer weiteren White Lady festhaltend.

Er wendet sich zu mir.

„Hilf mir mal: Wenn tausend Jahre auf gerade mal zwölf …?“

„1,2 Jahre“, sage ich.

„Nee“, sagt Wolfgang. „Solange steht die auch nicht mehr.“

Und natürlich wird er wieder recht behalten.

***

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Nächstes Kapitel: **97 Das alte Deutschland: Ende der Unschuld**

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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