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Und nun zu etwas völlig anderem

Warum es für Sie als Medienprofi nicht nur in der Pandemie eine echte Erholung ist, mal ein Buch zu schreiben, das mit ihrem Job rein gar…

Ulli Tückmantel · 2022-02-09 20:53 · 0 claps · 5.7 min read
#krisen #krisenkommunikation #selfpubishing #kommunikation #buch
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Wiki topics: 📊 · Economic Policy

Und nun zu etwas völlig anderem

Warum es für Sie als Medienprofi nicht nur in der Pandemie eine echte Erholung ist, mal ein Buch zu schreiben, das mit ihrem Job rein gar nichts zu tun hat, und es im Selbstverlag zu veröffentlichen

Von Ulli Tückmantel

Lassen Sie uns bei der Wahrheit bleiben: Es gibt gerade für einen Medien-Profi ausgesprochen gute Gründe, nicht noch ein weiteres Buch zu schreiben, das kein Mensch braucht oder gar lesen will. Sehr gute Gründe, ganz dringend auf das Schreiben zu verzichten, wären zum Beispiel: Sie glauben wahlweise, die Welt benötige unbedingt noch ein Buch über Medien (auf keinen Fall), Sie seien das spät erblühte Geschenk der Musen an die Literatur (unwahrscheinlich) oder, was wirklich völlig verrückt wäre: mit einem Buch ließe sich Geld verdienen! Die Unsitte, die mich aktuell am meisten ärgert, sind Buch-Simulationen, die nur erstellt wurden, um Marketing für eine Dienstleistung zu machen. Beispiel: Sie wollen eine Beratungsleistung oder Seminare verkaufen, also verschenken Sie ein Buch zum Thema, das Ihre Expertise belegen soll. Das war schon 2012 nicht sonderlich originell, 2022 nervt es nur noch. Es gibt für wirkliche Medien-Profis aber drei ausgezeichnete Gründe, doch ein Buch zu schreiben, und zwar eins, das mit ihrem Medien-Job möglichst wenig (am besten: gar nichts!) zu tun hat, und dieses Buch dann auf jeden Fall im Selbstverlag zu veröffentlichen.

Grund Nr. 1: Raten Sie mal, wer in einer Krise auf keinen Fall selbst die Krise kriegen darf

Wenn Sie zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und Verantwortung für die Kommunikation einer systemrelevanten Organisation oder Infrastruktur tragen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie gerade sowohl die schlimmsten als auch die schönsten Jahre Ihres Berufslebens bewältigen. Viel größer kann es kaum noch werden. Damit gehören Sie zu denen, die in der Krise nicht selbst in eine Krise geraten dürfen. Und deshalb sind Sie gut beraten, wenn Sie sich einfach mal mit etwas anderem beschäftigen. Treffen Sie nach Feierabend mal keine anderen Medien-Menschen, gehen Sie stattdessen ein Buch über „Nichts mit Medien!“ an! Suchen Sie sich ein Leben außerhalb dieser Blase. Und je abseitiger und lustiger das Thema ist, über das Sie Ihr Nichts-mit-Medien-Buch schreiben, umso größer wird Ihre Erholung sein. Das ist aber noch nicht alles. Wenn Sie sich mit einem Thema beschäftigen, das erstmal nichts mit Medien zu tun hat, treffen Sie in diesem Themenfeld auf ganz normale Leute. Die weder mit Ihnen netzwerken noch ihre Social Credibility erhöhen wollen, sondern ganz normal reden. Weil normale Menschen das so machen. Für Professionelle aus unserem Gewerbe ist es vermutlich erst einmal verwirrend, Kommunikation „einfach so“ und nicht zur Erreichung eines Ziels zu betreiben. Aber es ist ungeheuer erholsam und wird Ihr Leben um so etwas wie einen Realitätsbezug bereichern. Mit mir zum Beispiel will niemand mehr über Medien sprechen, wenn einmal heraus ist, dass ich eine Anleitung (und zwar die einzige deutsche in Buchform!) zur klassischen Nassrasur und auch noch ein Handschuhfach-Buch über Autobahnkirchen geschrieben habe (finden Sie beides bei Bod.de).

Grund Nr.2: Interessieren Sie sich wirklich für etwas Außerberufliches

Jede:r Langweiler:innen-„Head of irgendwas“ bekommt heute irgendwelche Instagram-tauglichen Vorzeige-Hobbys für die persönlichen Social-Media-Accounts empfohlen. Das soll dann menschlicher rüberzukommen (meist was mit Sport, E-Gitarren oder Achtsamkeit; Hauptsache fotogen). Das sah schon vor der Krise bei vielen Kommunikator:innen leider bloß verzweifelt aus. Tun Sie sich stattdessen wirklich etwas Gutes, indem Sie als Buchschreiber:in Expert:in für Entlegenes werden. Zu meiner eigenen Überraschung habe ich in den drei letzten Jahren in bundesweiten Medien mehr Interviews zu Autobahn-Kirchen als zu irgendeinem anderen Thema gegeben — weil ich nach dem Schreiben des entsprechenden Buchs vermutlich wirklich mehr über Autobahnkirchen weiß als jede:r Kirchenexpert:in, die man dazu befragen könnte. Und das ist eigentlich nur natürlich. Denn ich bin das Thema (wie auch sonst?) journalistisch angegangen: Fakten sammeln, rund 2.000 Fotos machen, viel lesen, viel gucken, viel zuhören. Das alles für ausgewachsene 168 Seiten statt bloß für eine flüchtige Geschichte. Auf die bisherigen Themen meiner Bücher bin ich eher zufällig gestoßen. Was sie eint, ist meine Neugier. Ich hatte nie vor, sie zu schreiben. Ich habe es erst getan, als ich dachte: Das ist jetzt so viel, das könnte ich eigentlich auch teilen. Und genau so ist auch „Angeber-Tabs für Anfänger:innen. Einfache Gitarren-Tabulaturen für 16 Klassik-Stücke, die Anfänger:innen wirklich spielen können. Mit mp3-Hörbeispielen zum Download“ entstanden, das ich in diesen Tagen bei Books on Demand veröffentlicht habe (DIN A4 Ringbuch, 52 Seiten, 15,99 Euro, am einfachsten zu beziehen bei bod.de/buchshop). In der Pandemie habe ich das Gitarrenspielen für mich wiederentdeckt. Die Kurzfassung: Ich bin kein guter Gitarrist, ich mag Fingerstyle-Stücke, gerne aus der Klassik, und ich bevorzuge Tabulaturen. Das ist eine Notenschrift speziell für die Gitarre, die sich von Klaviernoten sehr unterscheidet. Für eine ganze Reihe von Lieblingsstücken musste ich mir die passenden Tabulaturen komplett selbst oder neu schreiben. Da lag der Gedanke nahe, sie zu teilen. Weil aber „nur“ eine Stücke-Sammlung etwas dürftig ist, habe ich zu allen 16 Lieblingsstücken noch ein bisschen was aufgeschrieben — und dabei selbst wirklich sehr viel über Musiker, Komponisten und Texter gelernt. Ich spiele diese Stücke nach wie vor nicht sonderlich gut, aber ich finde sie viel interessanter. Und Sie als Leser:in können das für weniger als einen Euro pro Stück (inkl. Porto) mitgenießen. Wenn Sie es mögen: freut mich! Denn um meine Freude ging es mir selbst vor allem.

https://www.bod.de/buchshop/angeber-tabs-fuer-anfaenger-innen-ulli-tueckmantel-9783755784487

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Grund Nr.3: Sie werden fitter für das dritte Krisenjahr und weitere Krisen

Vielleicht das Schönste an der Veröffentlichung im Selbstverlag wie bei „Books on Demand“ ist: Es redet Ihnen (fast) niemand rein. Klar, Sie müssen ein paar technische Standards erfüllen, und BoD prüft (zumindest grob), ob Sie auf diesem Weg strafbare Inhalte zu verbreiten versuchen — aber in allem anderen sind Sie frei. Sie müssen keine politischen Freund:innen der/des Verleger:in erwähnen, Sie haben es vor allem überhaupt nicht mit Verleger:innen und ihren Lakai:innen zu tun. Sie müssen kein Befriedigungs-Kapitel für die Marketing-Leute schreiben noch eines weglassen, weil irgendeine Minderheit verprellt sein könnte. Sie können sich entweder nach Herzenslust bis auf die Knochen blamieren oder ungebremst zum Höhenflug ansetzen. Insgesamt ist es vermutlich klug, Thema und Schreibstil so zu wählen, dass beider Wucht nicht die Ausübung Ihres Hauptberufs behindert. Das sollte Medienprofis, die wirklich welche sind, ohnehin nicht passieren, und das Schöne ist: Wenn man es einmal nicht sein muss, holt man sich wieder ganz gerne Hilfe. Für das Korrektur-Lesen; für die Fotos; für das Layout; für die Umschlaggestaltung; für die Reklame. Ihr Buch wird wahrscheinlich kein Verkaufsschlager. Und darum geht es auch gar nicht. Auf ein Thema zu stoßen, das Sie interessiert, und dann nicht bloß ein Selfie davor von sich zu machen, sondern sich wirklich in die Materie reinzuknien, sich einzuarbeiten und dranzubleiben — das kann fast so beruhigend sein, wie ein sehr kompliziertes Musikstück zu erlernen. Der frühere Chefredakteur des „Guardian“, Alan Rusbridger, hat es im schlimmsten Jahr seiner Karriere so gemacht: Während er sich mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange herumärgert, Reporter aus lybischer Geiselhaft befreien muss, den Telefon-Abhörskandal des britischen Magazins News of the World an die Öffentlichkeit bringt und mitten in der Medienkrise komplizierte Deals mit „Spiegel“ und „New York Times“ aushandelt, fasst er einen ehrgeizigen Plan: Der Hobby-Pianist Rusbridger will in 12 Monaten die Ballade g-Moll op. 23 von Frédéric Chopin konzertreif spielen können. Auf einem Steinway-Flügel (den er noch nicht besitzt), in einem Anbau für den Flügel (der noch nicht steht). Am Ende braucht er 16 Monate. Dem „Spiegel“ sagt er später in einem Interview dazu: „Es war die bis dahin hektischste Phase meines Lebens. Entweder hatte ich mir das schlechteste Jahr für das Chopin- Projekt ausgesucht oder das beste, weil mich das Spielen auf den Boden zurückholte. Es begann als Qual und endete als Refugium. Je mehr Stress ich hatte, desto mehr zog es mich ans Klavier.“ Und dann tat Rusbridger, was Medienprofis eben tun: Er schrieb ein Buch darüber. „Play it again: Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten“, erschienen 2015, 480 Seiten, 25 Euro. Es gibt nichts Besseres gegen zeitkritischen Stress als zeitintensive Konzentration. Zeit hat man nie — man nimmt sie sich. Immer. Alles andere sind Ausreden.

Sich mit etwas völlig Abseitigem intensiv zu beschäftigen, ist wahrscheinlich die beste Erholung, die Sie sich in dieser Pandemie gönnen können. Das Ergebnis ist nicht Ablenkung, sondern die Sicherung Ihrer Leistungsfähigkeit für die beruflichen Aufgaben, die vor Ihnen liegen. Lesen Sie keine Bücher über New Work oder Achtsamkeit, schreiben Sie selber, tun Sie wirklich etwas für sich. Lassen Sie andere daran teilhaben, aber machen Sie deren Applaus nicht zum Maßstab Ihres Erfolgs. Und dann arbeiten Sie professionell weiter an der Kommunikation in dieser Krise. Oder für die sicher noch kommenden Krisen.


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