Wie erklärt man den „Deutschen Staatsraison“?
Letzte Woche war ich bei einem Sprachcafé, um mein Portugiesisch zu verbessern. Bei solchen Veranstaltungen kommen normalerweise Ausländer…
Wie erklärt man den „Deutschen Staatsraison“?
Letzte Woche war ich bei einem Sprachcafé, um mein Portugiesisch zu verbessern. Bei solchen Veranstaltungen kommen normalerweise Ausländer, um ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen, aber auch ganz einfach, um neue Leute kennenzulernen, oder um mit ihnen zu netzwerken. Manche kommen auch während eines kurzen Besuches in einer fremden Stadt. Manchmal sind solche Event ein Plus, manchmal ein Minus; dieses Mal war es ein 1,0 für meinen Geist und mein Wissen.
Einer von denen, der einfach in München zu Besuch war, wurde mein Lieblingskorrespondent des Abends. Khalil (Name geändert) war im Urlaub, wohnte in Katar, kam aber ursprünglich aus Syrien. Er hatte sich einen leichtsinnigen Abend vorgestellt, genauso wie ich, aber plötzlich saßen wir gegenüber voneinander und unsere Geschichten übertrafen einander. Neugier hat uns überwunden
Seine Flucht aus Syrien in die Türkei wurde meinerseits erwartet: ein Bürgerkrieg, der dreizehn Jahre lang läuft, unterstützt von anderern Ländern, wird nicht gleich aufhören. Er hat tatsächlich sechs Jahre lang in der Türkei studiert.
Wir waren beide in der Türkei
Aus europäischer Sicht ist die Türkei längst keine Demokratie mehr. Für ihn hingegen war die Türkei seine erste echte Freiheit. Wahlen? Politikverdrossenheit? Meinungsfreiheit? Solche Themen waren für ihn in der Vergangenheint alle Fremdthemen als er aufgewachsen ist. Er meinte, jede Person musste die Assad Regierung befürworten, denn jedwede öffentliche Art von Opposition könnte Verhaftung bedeuten. Und Verhaftung bedeutete, dass man für immer und ewig verschwindete.

Die Türkei war für ihn tatsächlich eine Erleichterung. Er wusste über die Gezi-Proteste, deren Beginn ich unabsichtlich in Istanbul selber erfahren hatte und wir haben darüber plaudern können. Solche Proteste wären in Syrien, besonders heutzutage, nicht mehr möglich.
Ich habe mit ihm über die letzte Wahl gesprochen; das Kılıçdaroğlu eine hervorragende Kampagne geleistet hat. Aber wenn jemand MHP wählt, meinte ich, würden sie sich für die AKP entscheiden (Erdoğans Partei) und im Lande gibt es immer noch keine Uneinigkeit mit den Kurden. Er war überrascht.
Themenwechsel: Israel
Ich bin daran gewöhnt, Leute zu fragen, „Was kommt dir anders vor?“ wenn sie zu Besuch sind. „Was ist bisher komisch gewesen?“ Da Khalil schon seit einiger Zeit in Europa war, hatte er schon einiges gesammelt, hatte aber nicht lang nachdenken müssen:
„Warum stehen fast überall israelische Flaggen? Ich war heute am Marienplatz und am Rathaus, neben der ukrainischen Flagge, hisste die Israelische!“
Khalil hat mehrmals betont, man soll die Kämpfe in der Ukraine und in Gaza nicht vergleichen und aus diesem Grund habe er kein Verständnis dafür, warum diese auch die israelische Flagge an der Fassade hisste.
Wie erklärt man einem geflüchteten Syrer, dessen Land teils von Israel besetzt wird, den sogenannten „deutschen Staatsraison“? Dass Deutschland, ein Land, das einst etliche Juden ermordert hat, jetzt deswegen ein jüdisches Land schützen will? Die Idee von Merkel, ein anderes Land zu schützen, und zwar außerhalb der Staatsgrenze, ist einzigartig, und ist eine parteiübergreifende Idee. Sie nicht zu unterstützen ist für manche politischer Selbstmord.
Ich musste hinzufügen, dass sehr viele Deutsche, besonders junge Deutsche, diese Idee nicht mehr befürworten. Es war sicherlich nicht leicht und in seinen Augen habe ich gesehen, er war nicht fröhlich. Khalil dachte, alle Pro-Palästina-Demos in Deutschland untersagt wären. Es konnte nicht der Fall sein, da ich selber durch welche laufen musste und die Münchner Polizei mitgefahren ist. Mehr wusste ich nicht.
Je länger wir sprachen (auf Englisch), desto emotionaler wurde er, aber unter Kontrolle. Mit Absicht habe ich ihm keine zu persönlichen Fragen gestellt. Vor mir saß ein sehr netter Typ, den ich nicht kannte, der vermutlich viele außergewöhnlichen Erfahrungen in seinem Leben gehabt hatte, die sich der durchschnittliche Mensch nicht wünschen würde. Die Fröhlichkeit, die ich am Anfang gesehen hatte, war längst verschwunden.
Ich hätte ihm sehr gerne weitere Fragen gestellt, aber irgendwann wurde das Gespräch unterbrochen. Vielleicht war diese Unterbrechung für uns beide eine wichtige Pause.
Später am Abend haben wir mit Lächeln die Nummer ausgetauscht. Ich wünsche ihm viel Erfolg: Khalil wir sehen uns, irgendwo, irgendwie, irgendwann.
Wie hättet ihr reagiert?
메타데이터
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