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Die Besten gehen zuerst. Und keiner hält sie auf.

Ein Kollege von mir, nennen wir ihn Jonas, hat vor ein paar Wochen gekündigt. Kein Drama, kein Streit, kein böses Wort. Er hat einfach in…

Fabi Lindhofen · 2026-07-02 15:59 · 0 claps · 3.6 min read
#brain-drain #auswanderung #daten #fachkräftemangel
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Die Besten gehen zuerst. Und keiner hält sie auf.

Ein Kollege von mir, nennen wir ihn Jonas, hat vor ein paar Wochen gekündigt. Kein Drama, kein Streit, kein böses Wort. Er hat einfach in der Mittagspause erzählt, dass er im Herbst nach Zürich geht. Neue Stelle, mehr Verantwortung, ein Gehalt, über das man in Deutschland nur leise spricht.

Wir haben ihm gratuliert. Alle. Aufrichtig.

Und trotzdem blieb an diesem Tisch etwas zurück, das keiner ausgesprochen hat. Jonas war einer der Guten. Einer, den man nicht ersetzt, sondern nur irgendwie kompensiert. Und während wir da saßen und über seine Aussicht auf die Limmat scherzten, dachte ich zum ersten Mal einen Gedanken, der mich seitdem nicht mehr loslässt: Wie viele Jonas verlieren wir eigentlich? Und merkt es überhaupt jemand?

91.067

Es ist eine seltsam präzise Zahl, und genau deshalb blieb sie bei mir hängen. Deutschland hat 2024 unterm Strich 91.067 im Land geborene Menschen verloren. Nicht Zugezogene, die weiterziehen. Menschen, die hier geboren wurden, hier zur Schule gingen, hier ausgebildet wurden, und dann gegangen sind, ohne wiederzukommen.

Ich bin über diese Zahl in einer Auswertung von DataPulse Research gestolpert, die 19 europäische Länder verglichen hat. Und das eigentlich Unangenehme steckt nicht in dieser einen Jahreszahl. Seit 2005 summiert sich der Verlust auf über eine Million.

Eine Million Jonas.

Und bevor man sich damit trösten kann, das sei ein deutsches Problem, ein deutscher Frust: 17 der 19 untersuchten Länder verlieren mehr eigene Leute, als sie zurückgewinnen. Es ist keine nationale Neurose. Es ist eine Bewegung, die durch einen ganzen Kontinent geht, leise und ohne Schlagzeile.

Es gehen nicht die, die man leicht entbehrt

Hier wird es unbequem. Denn Auswandern ist kein Querschnitt.

76 Prozent der deutschen Auswanderer haben einen Hochschulabschluss. In der Gesamtbevölkerung sind es 25 Prozent. Überproportional gehen die 25- bis 44-Jährigen, die Gruppe, die gerade erst anfängt, das zurückzugeben, was Kita, Schule und Studium jahrelang investiert haben. Es ist der Moment, in dem sich die Rechnung eigentlich schließen sollte. Sie schließt sich woanders.

Das ist die eine Hälfte einer Schere. Die andere: Immer weniger kommen zurück. 2019 kehrten noch 66.460 Deutsche heim, 2024 nur noch 49.488. Die Tür, durch die man wieder eintreten könnte, wird schmaler, während mehr Leute hinausgehen.

Und wohin gehen sie? Die Schweiz zieht jedes Jahr rund 20.700 an, Österreich 12.300, die USA 9.300, Spanien 8.900, Frankreich 5.500. 84 Prozent bleiben in Europa. Der Schweizer Rundfunk hat den Sog in die Schweiz nachgezeichnet: Löhne, die bei gleicher Qualifikation 30 bis 60 Prozent höher liegen, treffen dort auf einen wachsenden Arbeitskräftemangel. Das ist kein Abenteuer am anderen Ende der Welt. Das ist eine kurze Zugfahrt, ein Anruf am Sonntag, dieselbe Zeitzone. Man geht nicht weg, um zu fliehen. Man geht rüber, weil es sich rechnet.

Warum jemand geht, der bleiben könnte

Ich habe lange geglaubt, Auswandern sei eine Frage des Herzens. Fernweh, ein Wetter, eine Liebe.

Die Daten erzählen eine nüchternere Geschichte. Auf Arbeit lasten in Deutschland 47,9 Prozent Steuer- und Abgabenlast, laut dem OECD-Vergleich, über den das Handelsblatt berichtete, der zweithöchste Wert unter den Industrieländern, nur Belgien liegt noch darüber. In der Schweiz sind es je nach Rechnung 18 bis 23 Prozent. Dazu Wohnkosten, die in den Städten jedes Gehaltsplus auffressen, und Karrierewege, die anderswo einfach schneller nach oben führen.

Man muss das nicht dramatisieren, um es ernst zu nehmen. Für Jonas war es keine Abrechnung mit dem Land. Es war eine Kalkulation, und die ging in Zürich einfach besser auf. Genau das macht die Sache so schwer zu greifen: Es gibt keinen Schuldigen, gegen den man protestieren könnte. Nur eine stille Summe kleiner, vernünftiger Entscheidungen.

Der Satz, der mich am meisten beschäftigt

Und jetzt kommt das Paradox, an dem ich mich seit Tagen aufhalte.

Deutschland ist gleichzeitig der größte Verlierer seiner eigenen Leute und der größte Nettoempfänger von EU-Bürgern aus anderen Ländern. Rein rechnerisch geht die Bilanz sogar auf, die Bevölkerung wächst.

Nur ist es kein Tausch auf Augenhöhe. Wer Deutschland verlässt, verdient im Schnitt rund 55.000 Euro. Wer kommt, im Schnitt rund 36.000. Es ist kein Loch, das gestopft wird. Es ist ein Austausch, bei dem am oberen Ende etwas verschwindet und am unteren etwas nachrückt. Die Statistik bleibt stabil. Die Substanz verschiebt sich.

Und diese Verschiebung hat einen Preis, den kaum jemand auf der Rechnung hat. Rund 48.000 wirtschaftlich aktive Menschen gehen pro Jahr. Das sind grob 2,6 Milliarden Euro an verlorenem Verdienstpotenzial und, je nach Schätzung, 1,1 bis 2,1 Milliarden Euro an direkten Steuereinnahmen, die schlicht nicht mehr entstehen. Jedes Jahr. Wieder.

Was ich daraus mitnehme

Am Ende dieser Zahlen stand für mich kein politisches Fazit, sondern ein sehr persönliches Bild.

Wir reden viel über Fachkräftemangel, als wäre er ein Wetter, das über uns hereinbricht. Aber ein Teil davon ist hausgemacht und heißt Jonas. Wir bilden Menschen erstklassig aus, und im entscheidenden Moment machen wir es ihnen nicht attraktiv genug zu bleiben. Ein Land verliert nicht dadurch, dass niemand mehr kommt. Es verliert dadurch, dass die Falschen gehen: die, die man sich am wenigsten leisten kann zu verlieren.

Jonas ruft manchmal an. Es geht ihm gut in Zürich. Ich gönne es ihm von Herzen.

Und trotzdem denke ich an den leeren Stuhl in der Mittagspause. Ein einzelner leerer Stuhl ist eine Personalfrage. Eine Million leere Stühle sind eine Antwort, die wir uns bisher nicht trauen zu lesen.

Quellen


메타데이터
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