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Proust, eine Konifere auf seinem Gebiet

oder auch: Der gemeine Kalauer

Thorsten Windus-Dörr · 2017-05-15 07:09 · 0 claps · 2.3 min read
#kalauer #witze #humor
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Wiki topics: 😂 · Humor & Satire

Proust, eine Konifere auf seinem Gebiet

oder auch: Der gemeine Kalauer

Der aggressive, hässliche kleine Bruder der Blödelei ist der Kalauer. Eben der Witz, der so schlecht ist, dass es weh tut. Kalauer dürfen nicht oft wiederholt werden, oft ist einmal schon zu viel. Besonders hart sind solche Kalauer, die von ihrer inneren Bauart so erbärmlich sind, dass man sie meiden sollte.

Wovon ich eigentlich rede?

Ich rede von dem Menschen, der ein Exempel mit einem „zum Bleistift“ einleitet. Diese Leute tragen auch Mokassins und Einstecktücher. Es sind mit der Faust auf den Tisch hauende Nervensägen, die sich mit „tschüssikowski“ oder „bis spinäter“ verabschieden, vorher aber noch ein „Aqua miserabile“ ordern. Gemeint ist das peinliche Einleitungswort tausender Hochzeitsansprachen: „Silitium“, oder noch schlimmer „Sizilien“. Die Elaborierteren stoßen dann mit „Proust“ an, die einfacher Strukturierten mit „Prostata“. Im schlimmsten Fall antwortet dann ein „Onanie so schön gewesen“. Geht dabei ein Glas mit „bronchialerGewalt“ zu Bruch, macht nix! Tel Aviv!! An solchen Abenden geht es uns schließlich „ausgebrochen gut“. Und am Ende „brechen wir alle zusammen“, „Canale Grande“. Nein, sorry, das ist ja etwas ganz „andreas“.

Ich nenne diese Gattung mal den phonetisch-komparativ verfahrenden Flachwitz. Sein Benutzer begibt sich (bewusst?) unter sein Niveau. Intendiert er ernsthaft eine humorvolle Reaktion? Ich weiß nicht, warum sich diese Form des Kalauers so lange hält. Vielleicht geht es nur um die Lust am bedeutungsfreien Ritual?

Daneben gibt es aber eine zweite Humorgattung, die ihren Reiz daraus zieht, dass sie unfreiwillig ist. Die Rede ist von Mitmenschen, die sich im Besitz einer guten Allgemeinbildung wähnen und deshalb fahrlässigen Gebrauch von vermeintlich schicken Fremdwörtern machen. Ich habe nichts gegen den Gebrauch von Fremdwörtern, sie bereichern unsere Sprache und vieles lässt sich auch mit der deutschen Sprache nicht vernünftig übersetzen. Nur in einem bleibe ich hart: Der Gebrauch des Wortes „obsolet“ (überflüssig) ist obsolet.

Aber sind die Patienten nicht prächtig, die ihre Ärzte für „echte Koniferen“ (Koryphäen)auf ihrem Gebiet halten? Es aber bedauern, dass die Herzchirurgie nach wie vor eine „Metropole der Männer“ ist? Rechnen wir es dem Freund nicht hoch an, der etwas über die Stränge geschlagen hat und jetzt wie ein „Azteke“ lebt? Wie steht es um den Astrologen, der erklärt, dass jedes Sternzeichen einen „Aspiranten“ (Aszendenten) hat? Oder die gestresste Sekretärin, die nach getaner „Syphilisarbeit“ (Sysyphusarbeit) nach Hause geht. Dann hörte ich von dem Jungmanager, der die ersten Besucher in seiner Wohnung aufklärt, sie sei noch „sporadisch“ (spartanisch) eingerichtet. Und schließlich die Antiqiuitätenhändlerin, die mir verschämt bekennt, es sei ein „Maskottchen“ (eine Marotte) von ihr, Schneekugeln zu sammeln. Eine junge Frau, die „irgendetwas mit Medien“ macht sagte neulich auf einer Veranstaltung, die irgendetwas mit Medien zu tun hatte, dass man unbedingt noch eine Aktion aus dem Bereich des Gorilla-Marketings (Guerilla, ist aber auch ein schweres Wort) machen müsse. Und ein guter Freund pflegt immer von einem „abgekaterten Spiel“ (abgekartet) zu sprechen. Obwohl bei mir auch beim abgekaterten Spiel das Kopfkino losgeht.

Für mich sind solche Momente immer innere Reichsparteitage. Ich tue den Teufel, auf den Fehler hinzuweisen. Schließlich bin ich nur Sammler, kein Deutschlehrer. Denn letztlich handelt es sich um ein Phänomen, für das schon Marcel Proust und Thomas Mann viel übrig hatten. Proust ließ in „Sodom und Gonorrhö“, pardon: Gomorra, den Balbecer Hoteldirektor „arrivierte“ Gäste begrüßen. Er meinte die gerade angekommenen. Derselbe Direktor hatte immer Angst um seine „Passepartoutvasen“ und meinte die „Potpourrievasen“. Und Karoline Stöhr sprach im „Zauberberg“ immer von „Agonje“ statt „Todeskrampf“. Und wenn ihr jemand zu frech wurde, dann schimpfte sie ihn „insolvent“ (vielleicht ignorant?). Hans Castorp hatte einen ziemlichen Hals davon.

Aber vielleicht sind das auch alles nur Haarspitzenspaltereien von mir? Sterilisiere ich etwas hoch?? Seis drum. Ich hatte meinen Spaß.


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