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Krieg ist (k)ein Fußballspiel — Über den Verlust der Vermittlung und die Sprache des Friedens

Ein Fußballspiel: zwei Mannschaften, ein Ball, ein Ziel. Klare Linien, schwarz-weiße Trikots, eindeutige Regeln. Am Ende steht ein Sieger. Selbst die Niederlage lässt sich in Fairness ertragen. Die Ordnung des Spiels bleibt intakt. Der Krieg hingegen kennt keine Abpfiffe, keine unparteiischen Schiedsrichter, keine Regeln, die alle anerkennen. Wenn Journalist*innen jedoch Kriege in die Metaphorik des Sports pressen, verwandeln sie das Unerträgliche in ein kalkulierbares Spektakel. Es ist, als ob man das Inferno in ein Stadion sperren wollte.

Janis Alina Hindelang (Textdiver) · 2026-04-23 17:28 · 0 claps · 2.6 min read
#politik #krieg #weltanschauung #gesellschaftskritik #kultur
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Krieg ist (k)ein Fußballspiel — Über den Verlust der Vermittlung und die Sprache des Friedens

Wo die Analogie bricht: Ein Blick auf die gefährliche Verharmlosung von Systemkonflikten durch sportliche Metaphern.

Wo die Analogie bricht: Ein Blick auf die gefährliche Verharmlosung von Systemkonflikten durch sportliche Metaphern.

Ein Fußballspiel: zwei Mannschaften, ein Ball, ein Ziel. Klare Linien, schwarz-weiße Trikots, eindeutige Regeln. Am Ende steht ein Sieger. Selbst die Niederlage lässt sich in Fairness ertragen. Die Ordnung des Spiels bleibt intakt. Der Krieg hingegen kennt keine Abpfiffe, keine unparteiischen Schiedsrichter, keine Regeln, die alle anerkennen. Wenn Journalist*innen jedoch Kriege in die Metaphorik des Sports pressen, verwandeln sie das Unerträgliche in ein kalkulierbares Spektakel. Es ist, als ob man das Inferno in ein Stadion sperren wollte.

Zu Recht wird sich beklagt, dass die Presse ihre Vermittlerfunktion aufgegeben hat. Statt zu erklären, zu differenzieren, zu öffnen, erzählt sie von Fronten und Punkteständen. Als ob ein zerbombtes Haus ein „Tor“ wäre, als ob der Tod von Zivilisten eine „Verlängerung“ bedeutete. Doch die Wirklichkeit des Krieges widersetzt sich solchen Sprachspielen: sie ist chaotisch, vielstimmig, voller Widersprüche. Krieg ist kein Spiel, sondern — um mit Brecht zu sprechen — „der Feind der Kinder und der Bücher“.

Diese Verwechslung von Schlachtfeld und Spielfeld hat Folgen für den gesellschaftlichen Frieden. Eine Gesellschaft, die in der Sprache des Wettkampfes denkt, verlernt die Kunst der Vermittlung. Wer nur Sieg oder Niederlage kennt, verliert die Fähigkeit, Zwischentöne zu hören, Ambivalenzen auszuhalten, Brüche zu erkennen. Der Diskurs verengt sich zu einem Stadionchor: laut, einseitig, massenhaft. Was nicht in die einfache Logik passt, wird ausgebuht. Öffentliche Rede wird zu einer Tribüne. Von dort wird nicht mehr zugehört. Es wird nur noch angefeuert oder verurteilt.

Die Literatur hingegen beharrt auf der Vielschichtigkeit. Sie nennt die Dinge beim Namen. Das geschieht nicht, um sie zu simplifizieren, sondern um sie in ihrer Komplexität sichtbar zu machen. Tolstois Krieg und Frieden entfaltet ein Kaleidoskop von Perspektiven. Selbst das Schlachtgetümmel erscheint nie als bloßes „Duell“. Es ist vielmehr ein Netz aus individuellen Schicksalen, Entscheidungen und Zufällen. In Celans Gedichten wird die Erfahrung von Gewalt in Splitter zerlegt, die sich nie zu einer einfachen Parole fügen lassen. Und bei Christa Wolf wird das Private unauflöslich mit dem Politischen verflochten. Der Krieg wird nicht als außenstehendes Ereignis erfahren, sondern dringt in die intimsten Räume ein.

Ein Diskursraum für Frieden müsste sich dieser literarischen Haltung annähern. Er müsste Orte schaffen, an denen wir nicht wie Zuschauer im Stadion sitzen, sondern wie Leser*innen in einem polyphonen Roman. Ein solcher Raum wäre geprägt von Mehrstimmigkeit. Nicht nur Regierungen und Generäle wären zu hören. Auch Dichterinnen, Geflüchtete und Zweifelnde hätten eine Stimme. Ebenso jene, die sich keiner Seite zuordnen lassen, wären vertreten. Er müsste Empathie ermöglichen, die über Parteilichkeiten hinausgeht. Er müsste Zeit schaffen. Diese Zeit würde eine Verlangsamung gegen die Hetze der Eilmeldungen bewirken. In jenen Eilmeldungen werden komplexe Konflikte auf die Länge eines Tweets eingedampft.

Denn Frieden beginnt in der Sprache. In der Sprache, mit der wir über Krieg sprechen. Auch in der Sprache, die wir finden, um uns einander zuzuwenden. Wenn wir den Krieg als Fußballspiel erzählen, berauben wir uns der Möglichkeit, andere Erzählungen zu entwerfen. In diesen Geschichten bleibt Versöhnung denkbar. Hannah Arendt schrieb, dass Politik dort beginnt, wo Menschen einander zuhören und sich zeigen. Diese Möglichkeit aber verschwindet, wenn wir nur noch Sieger und Besiegte kennen.

Krieg ist kein Fußballspiel. Wer so spricht, verharmlost das Unermessliche und verwandelt es in ein Spektakel für die Tribüne. Was auf dem Spiel steht, ist nicht nur die Genauigkeit der Berichterstattung, sondern der gesellschaftliche Friede selbst. Denn eine Öffentlichkeit, die verlernt zuzuhören, verliert auch die Fähigkeit, Frieden zu imaginieren.

Und vielleicht ist genau dies die Aufgabe von Literatur und Journalismus gleichermaßen. Sie öffnen Räume, in denen wir lernen, wieder zuzuhören. Das gilt auch dann, wenn die Stimmen unbequem, fremd oder unsympathisch sind. Nur so kann eine Sprache entstehen, die nicht die Logik des Stadions, sondern die Logik des Friedens trägt.

Janis Alina Hindelang | B.A. Vergleichende Literaturwissenschaft

Augsburg, den 23.04.2026


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