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Die Stille in mir

Mara saß auf der alten Bank am Rand des kleinen Parks und sah zu, wie die Herbstblätter vom Wind über die Wege getragen wurden. Der Himmel…

Matthias Frieser · 2025-05-07 11:24 · 0 claps · 4.2 min read paywalled
#einsamkeit #gefühle #traurig #pyschology #psychology
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Wiki topics: RAG · RAG & Retrieval PSY · Psychology

Die Stille in mir

Mara saß auf der alten Bank am Rand des kleinen Parks und sah zu, wie die Herbstblätter vom Wind über die Wege getragen wurden. Der Himmel war grau, und die Welt wirkte, als hätte sie den Atem angehalten. Es war einer dieser Tage, an denen die Einsamkeit besonders laut schien — wie ein Echo, das in ihrem Inneren widerhallte.

Sie war 32 Jahre alt und lebte seit fünf Jahren allein in einer kleinen Wohnung in der Stadt. Früher hatte sie viele Freunde, war oft unterwegs gewesen, hatte gelacht, getanzt und das Leben leicht genommen. Doch Stück für Stück hatte sich etwas verändert. Erst waren es nur Kleinigkeiten: Freunde, die umzogen, Beziehungen, die in die Brüche gingen, beruflicher Stress, der keine Zeit für Treffen ließ. Dann kam die Leere schleichend — und blieb.

„Komisch“, dachte Mara bitter, „wie schnell man verschwinden kann, ohne dass es jemandem richtig auffällt.“

Die Tage verliefen alle gleich: Aufstehen, zur Arbeit gehen, lächeln, obwohl einem nicht danach war, nach Hause kommen, sich aufs Sofa setzen und das dumpfe Gefühl in der Brust spüren. Dieses Gefühl war wie ein ständiger Begleiter geworden — vertraut, aber trotzdem schmerzhaft. Sie wusste, dass sie nicht die Einzige war, die sich so fühlte, aber in ihren dunkelsten Momenten kam es ihr vor, als wäre sie die einsamste Person auf der Welt.

Eines Abends, als sie wieder allein am Küchentisch saß und den dampfenden Tee anstarrte, platzte der Gedanke aus ihr heraus: „Was ist nur mit mir los?“ Ihre Stimme hallte in der Stille des Raumes wider. Keine Antwort. Nur das Summen des Kühlschranks.

Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Arbeit, blieb Mara an einem Schaufenster stehen. Ein Zettel hing dort, handgeschrieben: „Selbsthilfegruppe für Menschen, die sich einsam fühlen. Donnerstags, 19 Uhr.“

Sie starrte lange auf den Zettel. Ein Teil von ihr wollte sofort weitergehen — schließlich war sie nicht „so jemand“, der in Gruppen über seine Gefühle sprach. Doch ein anderer Teil, der müde und erschöpft war von der ständigen Stille, sagte leise: „Was hast du zu verlieren?“

Als der Donnerstag kam, überlegte sie bis zur letzten Minute, ob sie wirklich hingehen sollte. Ihre Hand zitterte, als sie die Tür zum Gemeindezentrum öffnete. Innen saßen schon ein paar Menschen in einem Stuhlkreis. Niemand sah besonders „anders“ aus. Einige sahen müde aus, andere nervös. Mara setzte sich schweigend und wartete.

Die Leiterin der Gruppe, eine Frau namens Bettina, begrüßte alle freundlich. „Willkommen“, sagte sie mit warmer Stimme. „Ihr seid hier, weil ihr euch einsam fühlt. Das verbindet uns alle heute Abend.“

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde hörte Mara zu, wie die anderen ihre Geschichten erzählten. Da war Peter, Mitte fünfzig, der nach dem Tod seiner Frau niemanden mehr hatte. Lisa, Anfang dreißig, die in der Stadt keine Freunde gefunden hatte. Und Anna, eine ältere Dame, deren Kinder weit weg wohnten.

Als Mara an der Reihe war, räusperte sie sich und sprach leise: „Ich heiße Mara. Ich… fühle mich schon lange einsam. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr, wie es ist, nicht allein zu sein. Ich habe Freunde gehabt, aber irgendwie hat sich alles verlaufen. Manchmal frage ich mich, ob ich schuld daran bin.“

Ihre Stimme zitterte, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schämte sich, doch niemand lachte oder wirkte abweisend. Im Gegenteil: Die anderen nickten mitfühlend. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie sich verstanden fühlte.

In den Wochen danach wurde die Gruppe für Mara zu einem Anker. Jeden Donnerstag trafen sie sich, und nach und nach entstand zwischen ihnen etwas wie Vertrautheit. Es war kein Zauber, der plötzlich die Einsamkeit verschwinden ließ, aber es war ein Anfang.

„Weißt du“, sagte Peter eines Abends zu ihr, als sie nach der Gruppe noch kurz plauderten, „ich habe gelernt, dass Einsamkeit nicht immer bedeutet, dass man allein ist. Manchmal fühlt man sich auch unter vielen Menschen einsam, wenn die Verbindung fehlt.“

Mara nickte nachdenklich. „Ja, das kenne ich. Ich glaube, das Schlimmste ist dieses Gefühl, unsichtbar zu sein. Als ob man durch die Welt geht und niemand wirklich merkt, dass man da ist.“

Peter sah sie ernst an. „Du bist nicht unsichtbar, Mara. Du bist hier. Und du bist wichtig.“

Diese Worte gingen ihr tief unter die Haut. Noch lange dachte sie darüber nach. Vielleicht war das der Schlüssel — sich selbst wieder zu erlauben, sichtbar zu sein. Denn manchmal, so erkannte sie, zog man sich so sehr zurück, dass niemand mehr eine Chance hatte, näherzukommen.

Mit der Zeit wagte Mara kleine Schritte: Sie begann, wieder Freunde zu kontaktieren, kleine Einladungen auszusprechen, selbst wenn sie Angst vor einer Absage hatte. Nicht immer bekam sie eine Antwort, aber manchmal eben doch. Sie ging auch öfter spazieren, nicht nur allein, sondern ab und zu mit Menschen aus der Gruppe.

Eines Abends, als sie mit Lisa zusammen auf einer Parkbank saß, sagte sie: „Weißt du, ich glaube, ich habe die Einsamkeit immer als meinen Feind gesehen. Aber vielleicht ist sie auch ein Zeichen dafür, dass mir etwas fehlt — und dass ich mir das selbst wiederholen muss.“

Lisa lächelte. „Ja. Ich glaube, Einsamkeit zeigt uns, dass wir Menschen brauchen. Und dass wir manchmal den ersten Schritt machen müssen.“

Als Mara später nach Hause ging, fühlte sie zum ersten Mal seit Langem etwas Neues: Hoffnung. Die Einsamkeit war nicht über Nacht verschwunden. Sie war immer noch da, lauerte manchmal in den Ecken ihrer Gedanken. Aber sie wusste jetzt, dass sie nicht mehr hilflos war.

An einem besonders sonnigen Sonntag nahm sie sich ein Herz und schrieb eine Nachricht an ihre alte Freundin Jana, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: „Hey Jana, ich musste in letzter Zeit oft an dich denken. Hast du mal Lust auf einen Kaffee? Ich würde mich sehr freuen.“

Zitternd drückte sie auf „Senden“ — und wartete. Zwei Stunden später kam die Antwort: „Mara! Das freut mich total. Ja, sehr gern. Wann hast du Zeit?“

Mara musste lächeln. Es war ein kleiner Schritt — aber er fühlte sich groß an.

In den Monaten, die folgten, lernte Mara, dass Einsamkeit Teil des Lebens sein kann, aber nicht das ganze Leben bestimmen muss. Sie lernte, ihre Gefühle nicht mehr zu verbergen, sondern darüber zu sprechen, sie zuzulassen und ernst zu nehmen. Sie fand neue Verbindungen und pflegte alte Freundschaften wieder.

Und immer, wenn sie sich doch wieder einsam fühlte, dachte sie an etwas, das Bettina einmal in der Gruppe gesagt hatte: „Die Einsamkeit sagt uns: ‚Ich bin da, weil du dich nach Verbindung sehnst.‘ Und das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Es ist zutiefst menschlich.“

Mara wusste jetzt: Sie war nicht allein mit ihrer Einsamkeit. Und das allein machte einen großen Unterschied.


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