Der Feminismus und seine neuen Schubladen
Photo by Delia Giandeini on Unsplash
Der Feminismus und seine neuen Schubladen

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Wie die lauteste Strömung einer Bewegung das Denken wiederbelebt, das sie überwinden wollte
Ich bin Feminist. Ich halte patriarchale Strukturen für real, männliche Gewalt für ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem und die Gleichberechtigung der Geschlechter für längst nicht vollendet. Frauen leisten noch immer mehr unbezahlte Sorgearbeit, erleben häufiger sexualisierte Gewalt und sind in vielen Machtpositionen untervertreten. Das alles ist wahr.
Und trotzdem fremdle ich mit jener Spielart des Feminismus, die gegenwärtig am lautesten auftritt – und gerade deshalb zunehmend für den Feminismus als Ganzen gehalten wird.
Deutungshoheit
Es ist vermutlich nicht die Mehrheitsposition. Die meisten Frauen führen keine theoretischen Debatten über Geschlechtsidentität, und die meisten Feministinnen halten ihre Söhne nicht für Täter im Wartestand. Doch die Deutungshoheit liegt selten bei der stillen Mehrheit. Sie liegt bei denen, die Begriffe prägen, Leitfäden verfassen, Kulturseiten besetzen, Hochschulen, Verwaltungen und soziale Medien mit Sprache versorgen. Was dort als fortschrittlich gilt, sickert in Institutionen ein – und erscheint bald als einzig moralisch zulässige Form des Denkens.
Dieser Feminismus kritisiert nicht mehr nur Verhältnisse.
Er sortiert Menschen.
Der Rückfall
Das ist bemerkenswert, denn der emanzipatorische Fortschritt bestand einmal darin, das Geschlecht gerade nicht länger als Charakterdiagnose zu behandeln. Simone de Beauvoirs berühmter Satz, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht, zielte genau darauf: Geschlecht ist keine Essenz, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Frauen sind nicht von Natur aus sanft, irrational oder fürsorglich. Männer sind nicht zwangsläufig dominant, gefühllos oder gewalttätig. Biologie ist kein Schicksal.
Gerade der Feminismus sollte diesem Rückfall widerstehen. Denn sein grösster Gedanke war nie, dass Frauen und Männer zwei geschlossene Kollektive mit gegensätzlichen Interessen seien. Sein grösster Gedanke war, dass kein Mensch auf die Rolle festgelegt werden darf, die ihm sein Geschlecht zuweist.
Ein Feminismus, der Männer pauschal als Problem beschreibt, reproduziert deshalb auf paradoxe Weise, was er überwinden möchte: die Vorstellung, das Geschlecht sage etwas Wesentliches über den Charakter eines Menschen aus. Er ersetzt den alten Satz „Frauen sind eben so“ durch ein selbstgewisses „Männer sind eben so“. Das Vorzeichen hat sich geändert.
Die Logik nicht.
Von der Analyse zur Zuschreibung
Auch theoretisch ist diese Rückkehr zur Wesenszuschreibung gut beschrieben. Judith Butler hat gezeigt, dass Geschlecht performativ ist – also durch soziale Praktiken hervorgebracht wird, nicht durch eine innere Natur. Wenn aber aus „Männer handeln oft so“ wieder „Männer sind so“ wird, kippt diese Einsicht zurück in genau jene Ontologie, die sie kritisieren wollte. Aus Analyse wird Zuschreibung, aus Strukturkritik Charakterdiagnose.
Neue Begriffe, alte Mechanismen
Besonders sichtbar wird das am Begriff des „cis Mannes“. Als sachliche Bezeichnung ist „cis“ zunächst unspektakulär: Gemeint sind Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Der Begriff schafft ein sprachliches Gegenstück zu „trans“, ohne Transmenschen zur erklärungsbedürftigen Abweichung zu machen.
Problematisch wird er dort, wo aus einer Beschreibung ein moralisches Gesamturteil entsteht. Dann ist der „cis Mann“ nicht mehr einfach ein Mann, der nicht trans ist. Er wird zur Chiffre für Macht, Ahnungslosigkeit und potenzielle Bedrohung. Seine Biografie schrumpft auf eine Position im Koordinatensystem gesellschaftlicher Schuld.
Noch deutlicher zeigt sich dieses Sortieren im Kürzel FLINTA*. Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen. Es soll Räume für Menschen bezeichnen, die vom Patriarchat betroffen sind; ausdrücklich ausgeschlossen bleiben in der Regel cis Männer.
Schon die Zusammensetzung ist eigentümlich. „Lesbisch“ bezeichnet eine sexuelle Orientierung, die übrigen Buchstaben überwiegend Geschlecht oder Geschlechtsidentität. Warum eine lesbische Frau zusätzlich zur Kategorie Frau genannt wird, ein schwuler Mann aber draussen bleibt, erschliesst sich nicht aus einer einheitlichen Systematik. Verständlich wird das Kürzel erst von seinem Ende her: Es versammelt sehr verschiedene Menschen vor allem dadurch, dass sie keine cis Männer sind.
Für bestimmte Schutzräume kann ein Ausschluss sachlich begründbar sein. Eine Gruppe für weibliche Opfer sexualisierter Gewalt muss nicht jedem offenstehen. Doch FLINTA* wird längst nicht nur für solche Situationen verwendet, sondern für Podien, Kulturveranstaltungen, Arbeitsgruppen, Partys und berufliche Netzwerke. Das Kürzel behauptet Vielfalt und erzeugt zugleich ein erstaunlich simples Gegenüber: hier die vielen Identitäten, dort der Mann.
Der «alte weisse Mann»
In dieselbe Reihe gehört der Begriff des «alten weissen Mannes». Er sollte ursprünglich Machtverhältnisse beschreiben. Im öffentlichen Sprachgebrauch ist daraus jedoch häufig eine pauschale Personenbeschreibung geworden.
Natürlich ist eine solche Bemerkung historisch nicht mit Rassismus oder Frauenfeindlichkeit gleichzusetzen. Die Machtverhältnisse sind nicht symmetrisch. Und doch bleibt die geistige Mechanik dieselbe: Alter, Hautfarbe und Geschlecht werden zur moralischen Kurzbiografie eines Menschen. Nicht das Argument wird geprüft, sondern derjenige, der es vorbringt.
Vor allem erzeugt diese Sprache Abwehr. Nicht unbedingt, weil Männer nichts über Privilegien hören wollen. Sondern weil kaum jemand offen in eine Debatte geht, in der Hautfarbe, Alter und Geschlecht bereits als Anklageschrift verlesen werden.
Die Sprache der Eingeweihten
Auch sprachlich ist das nicht so inklusiv, wie es sich gibt. Wer FLINTA*, cis, endo, heteronormativ oder intersektional selbstverständlich verwendet, zeigt nicht nur politische Sensibilität. Er zeigt, dass er die Codes eines bestimmten Milieus beherrscht: meist jung, urban, akademisch und kulturell abgesichert.
Pierre Bourdieu beschrieb Sprache als kulturelles Kapital. Wer die anerkannte Sprache eines gesellschaftlichen Feldes beherrscht, gewinnt Autorität. Wer sie nicht beherrscht, erscheint leicht ungebildet, rückständig oder moralisch verdächtig. Sprache bildet soziale Hierarchien nicht nur ab. Sie stellt sie her.
So kann die Sprache der Inklusion selbst zum Ausschlussinstrument werden. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen – ob in handwerklichen Berufen, im Dienstleistungssektor oder in neu angekommenen Familien – sollen an einer Debatte teilnehmen, deren Eintrittskarte ein kleines Studium ihrer Terminologie voraussetzt. Wer eine Frage falsch formuliert, hat nicht bloss etwas noch nicht verstanden. Er gerät in Verdacht, das Falsche zu denken.
Das ist Identitätspolitik als Wohlstandsprivileg: Man verfügt über genügend Bildung, Sicherheit und kulturelle Beweglichkeit, um die eigene Identität fein auszudifferenzieren – und hält diese Fähigkeit anschliessend für einen allgemeinen moralischen Standard. Ausgerechnet Menschen, die sich für besonders sensibel gegenüber Privilegien halten, übersehen dabei ihr eigenes: das Privileg, die Codes überhaupt lesen zu können.
Der universalistische Gedanke
Der Philosoph Olúfẹ́mi O. Táíwò nennt einen verwandten Vorgang „elite capture“. Nancy Fraser warnt davor, dass eine Politik der Anerkennung Gruppenidentitäten verhärten und Fragen der Umverteilung verdrängen kann. bell hooks definierte Feminismus als Kampf gegen Sexismus – nicht als Kampf gegen Männer.
Das ist der Unterschied zwischen einer Politik, die Unterschiede wahrnimmt, und einer Politik, die von ihnen lebt.
Natürlich darf Universalismus nicht bedeuten, konkrete Diskriminierung in einem wohlmeinenden „Wir sind doch alle Menschen“ verschwinden zu lassen. Wer Rassismus bekämpfen will, muss Hautfarbe als gesellschaftlich wirksame Kategorie erkennen. Wer Sexismus verstehen will, muss geschlechtsspezifische Erfahrungen benennen. Aber zwischen dem Leugnen eines Unterschieds und der Reduktion eines Menschen auf diesen Unterschied liegt die gesamte politische Vernunft.
Worum es mir geht
Dieser Feminismus fehlt mir heute in der Öffentlichkeit: ein Feminismus, der Männer nicht schont, aber ihnen Veränderung zutraut; der Täter benennt, ohne Söhne unter Generalverdacht zu stellen; der Macht analysiert, statt Schuld nach Geschlecht zu verteilen; der Menschen gewinnen will, statt ihnen zuerst eine sprachliche Aufnahmeprüfung abzunehmen.
Wer jeden Einwand eines Mannes als Ausdruck männlicher Privilegien deutet, hat sich gegen Kritik immunisiert. Wer Männer nur noch als Problem adressiert, sollte sich nicht wundern, wenn selbst wohlwollende Männer innerlich kündigen. Nicht weil sie plötzlich gegen Frauenrechte wären, sondern weil niemand dauerhaft Teil einer Bewegung sein möchte, in der seine Geburt bereits als moralischer Makel gilt.
Das ist schade für die Männer.
Vor allem aber ist es schlecht für den Feminismus.
Denn sein grösstes Versprechen war nicht, Frauen und Männer in zwei moralische Lager zu teilen. Es lautete, dass kein Mensch auf die Rolle festgelegt werden darf, die ihm sein Geschlecht zuweist.
Ein Feminismus, der diese Freiheit wieder durch Herkunftsdiagnosen, Identitätscodes und Kollektivverdacht ersetzt, ist nicht zu radikal.
Er ist nicht radikal genug.
Er greift die Wurzel des alten Denkens nicht an.
Er übernimmt sie.
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