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Menschen die noch im Gestern sind

pyroneun · 2026-06-02 00:59 · 0 claps · 1.7 min read
#techno #clubkultur #musikkultur #leipzig #subkultur
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Menschen die noch im Gestern sind

Ich nehme meine AirPods heraus, schiebe mir ein Snus unter die Lippe und klopfe an eine Metalltür. Auf Augenhöhe befindet sich eine vergitterte Aussparung. Für einen Moment denke ich an Shawshank Redemption.

Während ich darauf warte, dass mir geöffnet wird, bemerke ich die Blicke einiger Gäste. Sie haben neunzig Minuten angestanden und Geld bezahlt, um an eben jener stählernen Verkörperung des geflügelten “Heute Abend nicht” vorbeizukommen.

Als ich nach Leipzig zog, packte mich ein Fieber. Seit meinem 18. Lebensjahr gehe ich zu Techno feiern und höre mich durch unterschiedlichste Subgenres. Im konservativen Oberbayern war eines klar: Was für meine Großeltern die Preußen waren, war für meine Generation Berlin. Matcha trinken, Rennrad fahren, Start-ups gründen, alles beschreibende Kampfbegriffe für die Modekrankheit Berlin. In München erkannte man sich darin zwar ebenfalls wieder, allerdings mit besserem Gehalt, sicherem Arbeitsplatz und Perspektive. Berlin stand für Hedonismus. Für eine nie endende Selbstfindungsphase. Und ihren Soundtrack: Techno.

Techno ist ein in sich geschlossener Widerspruch für diejenigen, die nicht wissen, wer sie sind — und für jene, die es gar nicht wissen wollen. Freiheit, Exzess, Drogen, Sex. Je nach Uhrzeit in wechselnder Reihenfolge. In Deutschland ist Techno eine Erfolgsgeschichte. Berghain, Loveparade und Kraftwerk ihr Ludwig Erhard.

Die Tür öffnet sich. Der Security-Mitarbeiter macht eine knappe Bewegung mit dem Kopf. Ich trete ein und gehe Richtung Büro.

Die Musik lässt die Wände vibrieren. Die Krach-Maschinerie läuft bereits seit Stunden. Ich habe die Zwischenschicht. Handschuhe, Tampons und Funkgerät wandern in meine Bauchtasche. Ein Schluck Wasser, dann gehe ich auf den Floor.

Eigentlich würde ich lieber spielen.

Ich kann auflegen. Zumindest bilde ich mir das ein. Aber wer heute DJ werden will muss erst Influencer sein. Irgendwann wurde die Musik zum Medium der Selbstinszenierung. Content statt Eskapismus.

In authentischen Clubs funktioniert die Aufforderung, Handykameras abzukleben, erstaunlich gut. Auf Festivals sieht die Sache anders aus. Holy Priest spielt prerecorded Sets, posiert mit Kreuzmaske, und jeder schaut durch seine Kamera. Das Ticket muss sich gelohnt haben.

Während der Wunsch, DJ zu werden, in der breiten Masse einen nie dagewesenen Höhepunkt erreicht, kämpfen viele Clubs mit sinkenden Besucherzahlen. Ich frage mich, ob wir eine Kulturkrise erleben oder ob die Erwartungen, die ich an diese Szene geknüpft habe, von Anfang an ein Luftschloss waren.

Später werde ich angesprochen. Zwei junge Männer, kurzer Plausch über Musik. Wir tauschen SoundCloud-Profile aus. Einer bedankt sich für meine Arbeit. Awareness sei wichtig für die Szene, sagt er. Wir lachen, verabschieden uns und gehen wieder unserer Wege.

Im Innenhof sitzt die Security und schaut einen UFC-Kampf auf dem Handy. Über den Dächern erscheint das erste Licht. Der Sonnenaufgang wirft seine Strahlen in Gesichter von Menschen, die noch im Gestern sind.


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2026-06-26 03:39:16