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„Niemand da draußen kann deine Gefühle machen“

Die autopoietische Konstruktion von Emotionen — für Menschen wie dich und mich

Oli Kopp · 2025-07-12 19:31 · 0 claps · 3.0 min read
#emotionen #selbstwahrnehmung #neurowissenschaft #lisa-feldman-barrett
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Niemand da draußen kann deine Gefühle machen

Die autopoietische Konstruktion von Emotionen — für Menschen wie dich und mich

Stell dir vor, du hörst den Satz:

„Keiner von außen kann Gefühle bei dir auslösen.“

Was wäre dein erster Impuls?

Vielleicht denkst du:

Klar kann das jemand. Wenn mich jemand anschreit, macht er mich wütend. Wenn mich jemand umarmt, macht er mich froh. Wenn ich verlassen werde, macht mich das traurig.

Aber was, wenn das alles nur die halbe Wahrheit ist?

Was, wenn du die Gefühle zwar fühlstaber sie nicht einfach durch Reize von außen in dir „gemacht“ werden — sondern du sie selbst erschaffst, jedes Mal aufs Neue?

Das klingt erstmal schräg. Aber genau das ist die Idee von Lisa Feldman Barrett, einer führenden Neurowissenschaftlerin, die unser Verständnis von Emotionen revolutioniert hat.

Gefühle sind keine Reiz-Reaktions-Automatik

Die klassische Vorstellung ist simpel:

Etwas passiert → wir fühlen etwas → wir reagieren.

Zum Beispiel: Jemand ignoriert dich → du wirst traurig.

Oder: Dein Partner kritisiert dich → du wirst wütend.

Aber Lisa Feldman Barrett zeigt: So funktioniert unser Gehirn nicht.

Dein Gehirn reagiert nicht einfach. Es sagt voraus.

Es baut sich aus allen Erfahrungen deines bisherigen Lebens eine Vorhersage, was jetzt „dran“ ist — und erzeugt auf dieser Grundlage dein Erleben.

Es baut dein Gefühl.

Nicht als Reaktion — sondern aus deinem Inneren heraus.

Gefühle sind Konstruktionen — nicht Reflexe

Wenn du also gerade wütend wirst, dann, weil dein Gehirn eine ganze Reihe von Puzzlestücken zusammensetzt:

  • Wie dein Körper sich gerade anfühlt (z. B. Spannung, Puls, Atmung)
  • Welche Situationen du in der Vergangenheit ähnlich erlebt hast
  • Welche Konzepte (also: Begriffe, Deutungen) du gelernt hast, um Gefühle zu verstehen
  • Welche Bedeutung du der aktuellen Situation gibst

All das geschieht in Sekundenbruchteilen — meist ohne dass du etwas davon merkst.

Dann sagt dein Gehirn: „Ah, das ist Wut.

Und du fühlst es. Du bist überzeugt: Die andere Person hat dich wütend gemacht.

Aber eigentlich hast du — bzw. dein Gehirn — dieses Gefühl konstruiert.

Basierend auf dir, nicht auf der anderen Person.

Der große Irrtum: Gefühle als Produkte von „außen“

Wenn wir sagen: „Der macht mich fertig!“ oder „Die verletzt mich!“, dann klingt das so, als hätte die andere Person die Fernbedienung zu deinem Innenleben.

Aber wenn du nochmal genau hinschaust:

Wie du fühlst, hängt viel mehr davon ab, wie du etwas deutest, als was wirklich passiert.

Ein Beispiel:

Zwei Menschen werden übergangen.

Der eine fühlt sich verletzt, der andere denkt: „Die haben sicher viel um die Ohren.

Gleiche Situation, anderes Gefühl. Warum?

Weil ihr Inneres verschieden arbeitet. Verschiedene Erfahrungen, Bedeutungen, Erwartungen.

Autopoiesis — das schwierige Wort für ein einfaches Prinzip

Es gibt ein kluges Wort dafür: Autopoiesis — das bedeutet: Selbstherstellung.

So wie dein Körper ständig deine Zellen neu aufbaut, so baut dein Gehirn ständig deine Wirklichkeit neu: Gedanken, Deutungen — und eben auch Gefühle.

Du bist kein passives Gefäß, in das Gefühle von außen hineingekippt werden.

Du bist ein aktives System, das Sinn erschafft. Immer. Ununterbrochen.

Und was heißt das für dich?

Das heißt nicht, dass andere machen können, was sie wollen. Natürlich verletzen Worte, Taten, Blicke.

Aber: Wie du damit umgehst, ist dein innerer Raum.

Und genau dort liegt deine Freiheit.

Wenn du erkennst, dass niemand direkt deine Gefühle „machen“ kann, kannst du anfangen, dein Innenleben als etwas Gestaltbares zu sehen. Du kannst fragen:

  • Warum genau reagiere ich so?
  • Welche Geschichte erzähle ich mir gerade über das, was passiert?
  • Könnte ich es auch anders sehen — anders fühlen?

Nicht, um Gefühle zu unterdrücken. Sondern um dich selbst zu ermächtigen, sie zu verstehen.

Ein letzter Gedanke

Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast: „Die macht mich wahnsinnig!“ –

dann erinnere dich:

Wahnsinnig wirst du nicht durch sie — sondern durch das, was in dir aus dieser Situation entsteht.

Und wenn es in dir entsteht, dann kannst du es auch verändern, formen, verstehen.

Nicht leicht. Nicht schnell. Aber möglich.

Gefühle sind nicht, was dir passiert.

Gefühle sind, was du — manchmal unbewusst — erschaffst.

Und das ist, was dich nicht schwächer, sondern stärker macht.

📚 Literaturhinweise

  • Lisa Feldman Barrett (2023): Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen. Rowohlt Verlag. (Originaltitel: How Emotions Are Made, 2017)
  • Viktor E. Frankl (1982): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München: Piper. „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

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