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Ich bin nicht langweilig. Ich bin müde.

Der Schlag der Unsichtbarkeit 01

Miriam Eulau · 2026-06-01 19:16 · 0 claps · 10.0 min read
#jugend #emotionale-belastung #familie #gesellschaft #soziale-dynamiken
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Ich bin nicht langweilig. Ich bin müde.

Der Schlag der Unsichtbarkeit 01

Ich gehe nicht gern raus.

Das sagen die anderen zumindest.

Oder eigentlich sagen sie nicht:

Du gehst nicht gern raus.

Sie sagen:

Du bist immer nur zu Hause.

Du hängst immer nur in deinem Zimmer.

Du machst nie was.

Du bist voll langweilig.

Manchmal sagen sie es lachend.

Manchmal so halb im Vorbeigehen.

Manchmal gar nicht richtig böse.

Eher so, als wäre es eine Tatsache.

Als wäre ich eben so.

Ein Mädchen, das nicht rausgeht.

Ein Mädchen, das nicht mitkommt.

Ein Mädchen, das nach der Schule nach Hause will.

Ein Mädchen, das nicht fragt, wer sich mit wem trifft, wer wen süß findet, wer am Wochenende wohin geht, wer was anzieht, wer wieder Stress mit wem hat.

Ich höre das dann.

Und ich weiß nicht, was ich antworten soll.

Also sage ich meistens nichts.

Oder ich sage:

Keine Lust.

Das ist einfacher.

Keine Lust ist ein guter Satz.

Der erklärt nicht viel.

Aber er macht die Tür zu.

Keine Lust.

Dann fragen die meisten nicht weiter.

Vielleicht rollen sie mit den Augen.

Vielleicht lachen sie.

Vielleicht sagen sie:

Du hast nie Lust.

Und ich zucke mit den Schultern.

Weil es stimmt.

Irgendwie.

Ich habe wirklich keine Lust.

Nicht auf Kino.

Nicht auf Shopping.

Nicht auf irgendeinen Park.

Nicht darauf, irgendwo rumzusitzen und so zu tun, als würde mich interessieren, wer wem geschrieben hat und wer auf welcher Party war und wer angeblich mit wem fast irgendwas hatte.

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

Ich weiß manchmal überhaupt nicht, was ich zu Leuten in meinem Alter sagen soll.

In der Schule geht es.

Da weiß ich, was ich machen muss.

Ich bin gut in der Schule.

Nicht überall perfekt.

Aber gut.

Ich passe auf.

Ich schreibe mit.

Ich verstehe Sachen meistens schnell.

Wenn Lehrer etwas erklären, verstehe ich oft schon beim zweiten Satz, worauf es hinausläuft.

Manchmal melde ich mich.

Manchmal nicht.

Je nachdem, ob ich gerade Kraft habe.

Lehrer mögen mich.

Glaube ich.

Sie sagen Dinge wie:

Du bist sehr reif für dein Alter.

Du hast einen guten Überblick.

Auf dich kann man sich verlassen.

Das klingt schön.

Es klingt wie ein Kompliment.

Und ich lächle dann.

Weil man bei Komplimenten lächelt.

Ich sage danke.

Oder ich schaue kurz auf mein Heft.

Und irgendwo in mir wird es dabei ganz still.

Nicht stolz.

Nicht richtig froh.

Nur still.

So ein kleines stilles Gefühl unter den Rippen, das ich nicht gut erklären kann.

Als hätte jemand etwas Richtiges gesagt und trotzdem komplett verfehlt, worum es geht.

Sehr reif für dein Alter.

Ich weiß nicht, ob ich reif bin.

Ich weiß nur, dass ich oft müde bin.

Nicht so müde wie nach Sport.

Nicht so müde, dass man einmal schläft und dann ist es weg.

Mehr so, als wäre mein Kopf schon seit morgens voll, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.

Als würde ich in der Schule sitzen und alle anderen hätten nur die Schule im Kopf.

Und ich hätte die Schule im Kopf und danach den Heimweg und ob zu Hause noch Brot da ist und ob der Kleine heute wieder direkt durch die Wohnung rennt, wenn ich die Tür aufmache, und ob die Tochter von Mamas Freund wieder ihre Sachen überall liegen lässt, und ob Mama heute gut drauf ist oder nicht.

Ich sitze im Unterricht und rechne Brüche.

Und gleichzeitig rechne ich, ob das Abendessen reicht.

Ich schreibe Vokabeln ab.

Und gleichzeitig denke ich daran, dass ich später noch die Wäsche aus der Maschine holen muss, wenn sie überhaupt jemand angemacht hat.

Ich höre zu, wenn jemand über Geschichte spricht.

Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nach Hause komme und nicht einfach nach Hause komme.

Andere sagen:

Endlich Schule aus.

Ich sage das auch manchmal.

Aber es bedeutet bei mir nicht dasselbe.

Schule aus heißt nicht frei.

Schule aus heißt Wechsel.

Von einem Ort, an dem ich funktionieren muss, an einen Ort, an dem ich anders funktionieren muss.

In der Schule bin ich Schülerin.

Zu Hause bin ich irgendwie alles Mögliche.

Nicht offiziell.

Niemand würde sagen:

Du bist hier verantwortlich.

Niemand würde mir einen Zettel geben, auf dem das steht.

Niemand würde sagen:

Ab 14:37 Uhr bist du zuständig für Kinder, die offiziell nicht einmal alle deine Geschwister sind, für Ruhe, für Essen, für Streit, für verlorene Socken, für Tränen, für Türen, für Geräusche, für alles, was sonst niemand hört.

So läuft das nicht.

Es passiert einfach.

Ich komme nach Hause.

Der Flur riecht nach Schuhen und altem Rauch und manchmal nach irgendwas Süßlichem, das ich nicht genau benennen will.

Die Wohnung ist laut.

Oder zu still.

Beides ist nicht gut.

Wenn sie laut ist, weiß ich ungefähr, wo alle sind.

Wenn sie still ist, muss ich erst herausfinden, warum.

Der Kleine ist fünf.

Er kann noch nicht warten.

Nicht richtig.

Wenn er etwas will, will er es jetzt.

Wenn er müde ist, wird er laut.

Wenn ihm etwas runterfällt, wird er manchmal noch lauter.

Nicht weil er böse ist.

Er ist fünf.

Das weiß ich.

Ich sage mir das oft.

Er ist fünf.

Er kann nichts dafür.

Dann gibt es noch die Tochter von Mamas Freund.

Neun.

Und obwohl sie nicht meine Schwester ist, macht das im Alltag selten einen Unterschied.

Alle wollen irgendwas.

Alle haben irgendwas.

Alle brauchen irgendwas.

Ein Glas.

Ein Pflaster.

Ein Ladekabel.

Eine Erklärung.

Eine Entscheidung.

Eine Schlichtung.

Eine Stimme, die sagt:

Hör auf.

Gib das zurück.

Nicht schlagen.

Ja, du darfst später.

Nein, jetzt nicht.

Warte kurz.

Ich komme gleich.

Ich komme gleich.

Ich komme gleich.

Ich sage diesen Satz oft.

Ich komme gleich.

Manchmal weiß ich beim Sagen schon, dass ich nicht gleich komme.

Weil schon wieder jemand ruft.

Weil der Kleine auf dem Boden sitzt.

Weil irgendwo Wasser läuft.

Weil jemand die Tür knallt.

Weil Mama gerade nicht kann.

Mama kann oft nicht.

Nicht so, dass sie nie da wäre.

Sie ist da.

Manchmal.

Körperlich.

In der Küche.

Auf dem Sofa.

Im Bad.

Im Flur.

Mit dem Handy.

Mit diesem Gesicht, bei dem man besser nicht fragt.

Oder mit diesem anderen Gesicht, bei dem sie plötzlich laut ist und alles zu viel findet, obwohl vorher gar nichts passiert ist.

Abends ist sie oft weg.

Nicht immer gleich.

Aber oft.

Dann sagt sie irgendwas.

Ich bin später wieder da.

Du passt kurz auf.

Kurz.

Dieses Wort gibt es bei uns oft.

Kurz einkaufen.

Kurz weg.

Kurz schlafen.

Kurz telefonieren.

Kurz aufpassen.

Kurz ist manchmal eine Stunde.

Manchmal drei.

Manchmal bis ich nicht mehr auf die Uhr schauen will.

Ich nicke dann.

Was soll ich sonst machen?

Nein sagen?

Wem denn?

Und was würde dann passieren?

Also nicke ich.

Der Kleine schläft irgendwann.

Oder auch nicht.

Ich mache den Fernseher leise.

Oder lauter, wenn draußen Geräusche sind.

Ich kenne Serien, bei denen ich nicht mehr hinsehen muss.

Ich kenne jede Folge.

Jeden Satz fast.

Ich lese dabei oft dasselbe Buch.

Nicht einmal.

Nicht zweimal.

Immer wieder.

Ich kenne manche Stellen fast auswendig.

Ich weiß, wann eine Figur gleich etwas sagen wird.

Ich weiß, wann eine bestimmte Szene kommt.

Ich weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Ich mag das.

Nicht, weil das Buch so gut ist.

Sondern weil es gleich bleibt.

Niemand schreit plötzlich anders.

Niemand kippt ohne Vorwarnung.

Niemand verlangt etwas von mir.

Die Figuren machen genau das, was sie immer machen.

Wenn ich die Geschichte schon kenne, muss mein Kopf nicht aufpassen.

Das ist schön.

Dieses Nicht-Aufpassen-Müssen.

Das versteht irgendwie niemand.

Manche Leute sagen, ich sei ruhig.

Ich glaube nicht, dass ich ruhig bin.

Ich glaube, ich bin nur innen laut.

Außen ist es praktischer, leise zu sein.

Leise Kinder machen weniger Ärger.

Leise Kinder werden eher in Ruhe gelassen.

Leise Kinder können besser hören, was passiert.

In der Schule sagen manche Mädchen:

Komm doch mit.

Wir gehen nachher noch in die Stadt.

Ich sage:

Mal sehen.

Ich weiß schon, dass ich nicht komme.

Mal sehen ist höflicher als nein.

Dann gehen sie.

Sie lachen.

Sie machen Videos.

Sie schicken später Bilder in irgendwelche Gruppen.

Ich schaue sie manchmal an.

Nicht neidisch.

Oder vielleicht doch.

Ich weiß es nicht.

Es ist nicht so, dass ich mit ihnen tauschen will.

Ich will nicht wirklich in der Stadt sitzen und reden.

Aber manchmal frage ich mich, wie das sein muss, wenn der Kopf nach der Schule wirklich frei ist.

Wenn man nach Hause kommt und nicht sofort spürt, ob heute wieder alles an einem hängen bleibt.

Wenn man sich überlegen kann:

Was ziehe ich an?

Wen finde ich süß?

Was machen wir am Wochenende?

Und diese Fragen sind dann wirklich die großen Fragen.

Nicht lächerlich.

Nicht falsch.

Einfach normal.

Ich glaube, ich bin manchmal neidisch auf normal.

Nicht auf die Mädchen.

Auf das, was bei ihnen so leicht aussieht.

Dieses Rausgehen.

Dieses Lachen ohne vorher zu prüfen, ob zu Hause alles okay ist.

Dieses Reden über Dinge, die nicht wichtig sind, und trotzdem genug Platz dafür haben.

Ich habe für unwichtige Dinge oft keinen Platz.

Das klingt eingebildet.

So meine ich es nicht.

Ich finde mich nicht besser.

Ich finde mich oft eher falsch.

Als hätte ich irgendeinen Teil verpasst, den andere automatisch bekommen haben.

Diesen Teil, der sagt:

Du bist vierzehn.

Mach Sachen, die vierzehnjährige Mädchen machen.

Ich weiß nicht, wie das geht.

Manchmal sitze ich mit Erwachsenen zusammen und kann besser reden.

Nicht weil ich so klug sein will.

Sondern weil Erwachsene wenigstens ganze Sätze sagen.

Weil sie manchmal über Dinge sprechen, die Sinn ergeben.

Geld.

Wohnung.

Arbeit.

Probleme.

Termine.

Was man tun muss.

Das verstehe ich.

Oder ich verstehe es zumindest besser als dieses andere Zeug.

Dieses Kichern.

Dieses Testen.

Dieses Wer-ist-mit-wem.

Dieses ständige gegenseitige Ansehen, ob man gerade richtig ist.

Ich bin selten richtig.

Das habe ich irgendwie akzeptiert.

Ich bin die Reife.

Die Vernünftige.

Die, die nie rausgeht.

Die, die immer das gleiche Buch liest.

Die, die Serien schaut, die sie schon kennt.

Die, die keine Lust hat.

Die, die bestimmt später mal irgendwas Vernünftiges macht.

Die, um die man sich nicht kümmern muss.

Das ist vielleicht der wichtigste Satz.

Um mich muss man sich nicht kümmern.

Ich glaube, das denken viele.

Lehrer denken das.

Mama denkt das.

Vielleicht denke ich es selbst auch.

Weil ich ja funktioniere.

Ich habe keine schlechten Noten.

Ich komme pünktlich.

Meistens.

Ich schreie nicht rum.

Ich laufe nicht weg.

Ich trinke nicht.

Ich mache keinen Ärger.

Ich passe auf.

Ich merke mir Dinge.

Ich weiß, wann wer Medikamente braucht, obwohl ich das offiziell nicht wissen müsste.

Ich weiß, welche Tasse der Kleine will.

Ich weiß, welche Hose er nicht anzieht, weil das Schild kratzt.

Ich weiß, wann die Tochter von Mamas Freund gleich ausrastet, bevor sie selbst es weiß.

Ich weiß, wie Mamas Schritte klingen, wenn man besser nichts fragt.

Ich weiß das alles.

Und weil ich es weiß, denkt niemand, dass ich Hilfe brauche.

Das ist seltsam.

Je besser man funktioniert, desto weniger sieht man, dass es zu viel ist.

Wenn ich schlechter wäre, würde vielleicht jemand merken, dass etwas nicht stimmt.

Wenn ich laut wäre.

Wenn ich in der Schule einschlafen würde.

Wenn ich schlechte Noten hätte.

Wenn ich irgendwas kaputtmachen würde.

Wenn ich sagen würde:

Ich kann nicht mehr.

Aber ich sage das nicht.

Ich weiß auch gar nicht, wem.

Und wenn ich es sagen würde, müsste ich erklären, warum.

Dann müsste ich sagen:

Ich bin müde, weil ich nach der Schule nach Hause gehe und dann nicht einfach Kind bin.

Aber das klingt falsch.

Weil ich ja kein Baby bin.

Ich bin vierzehn.

Vierzehn ist nicht klein.

Vierzehn ist schon groß.

Das sagen alle.

Du bist doch schon groß.

Kannst du mal kurz?

Kannst du kurz aufpassen?

Kannst du kurz helfen?

Kannst du kurz gucken?

Kannst du kurz den Kleinen nehmen?

Kannst du kurz?

Kannst du kurz?

Kannst du kurz?

Vielleicht besteht Erwachsensein aus ganz vielen Kurz.

So vielen, bis man irgendwann nicht mehr merkt, dass sie zusammen ein ganzes Leben füllen.

Ich weiß nicht, ob ich traurig bin.

Manchmal glaube ich, ich bin einfach leer.

Oder überfüllt.

Das wechselt.

Leer, wenn ich in meinem Zimmer sitze und alles von mir abfällt, aber nichts Schönes nachkommt.

Überfüllt, wenn alle gleichzeitig reden.

Wenn der Kleine ruft.

Wenn Mama ruft.

Wenn irgendwo etwas runterfällt.

Wenn mein Handy vibriert und jemand fragt, ob ich heute mitkomme.

Dann starre ich auf die Nachricht.

Und mein Körper antwortet schon vor mir.

Nein.

Nicht als Wort.

Als Schwere.

Als Druck hinter den Augen.

Als Ziehen im Bauch.

Als dieses Gefühl, dass sogar ein netter Abend zu viel ist.

Nicht weil die Menschen falsch sind.

Sondern weil ich nicht noch mehr Menschen aushalte.

Noch mehr Stimmen.

Noch mehr Gesichter.

Noch mehr Situationen, in denen ich reagieren muss.

Noch mehr Dabeisein.

Ich will nicht dabei sein.

Ich will weg.

Aber nicht draußen.

Innen weg.

In mein Zimmer.

In die Serie.

In das Buch.

In etwas, das keinen neuen Anspruch stellt.

Manchmal stellt Mama sich in die Tür und schaut mich an.

Du bist echt komisch, sagt sie dann.

Oder:

Du musst auch mal rausgehen.

Oder:

So verpasst du doch deine Jugend.

Meine Jugend.

Ich weiß nicht, wo die ist.

Vielleicht draußen.

Bei den anderen.

In der Stadt.

Im Kino.

Auf irgendwelchen Bänken.

Vielleicht steht sie da mit einer Tüte Chips und lacht und wartet auf mich.

Vielleicht verpasse ich sie wirklich.

Aber wenn ich daran denke, rauszugehen, fühlt es sich nicht nach Jugend an.

Es fühlt sich nach noch einer Aufgabe an.

Noch ein Ort, an dem ich jemand sein muss.

Noch ein Ort, an dem ich erklären muss, warum ich nicht bin wie die anderen.

Also bleibe ich.

Und alle denken, ich ziehe mich zurück.

Vielleicht stimmt das sogar.

Aber niemand fragt, wovon.

Niemand fragt, woraus ich mich zurückziehe.

Niemand fragt, warum ein Zimmer sich sicherer anfühlt als ein Leben.

Niemand fragt, warum eine vierzehnjährige Schülerin das gleiche Buch braucht, um ruhig zu werden.

Niemand fragt, warum ich so schnell merke, wenn Erwachsene kippen.

Niemand fragt, warum ich mit Erwachsenen besser reden kann als mit Kindern.

Niemand fragt, warum ich so reif bin.

Sie sagen es nur.

Du bist sehr reif.

Und ich lächle.

Weil ich nicht weiß, wie man sagt:

Ich bin nicht reif.

Ich bin nur früher müde geworden als die anderen.

Ich bin nicht ruhig.

Ich spare Kraft.

Ich bin nicht vernünftig.

Ich habe gelernt, was passiert, wenn niemand sonst es ist.

Ich bin nicht gern allein.

Ich habe nur keine Energie mehr, irgendwo dazuzugehören.

Ich bin nicht langweilig.

Ich bin erschöpft.

Aber das sagt man nicht.

Nicht mit vierzehn.

Nicht, wenn man gute Noten hat.

Nicht, wenn man funktioniert.

Nicht, wenn alle denken, man kommt schon klar.

Also sage ich:

Keine Lust.

Und gehe in mein Zimmer.

Mache die Tür zu.

Nicht laut.

Nur so, dass sie zu ist.

Dann setze ich mich hin.

Ich schlage das Buch irgendwo auf.

Egal wo.

Ich kenne die Geschichte sowieso.

Gut.

Dann muss ich nicht aufpassen.

Draußen ruft jemand meinen Namen.

Ich halte kurz inne.

Mein ganzer Körper hört.

Nicht mein Kopf.

Mein Körper.

Ob es dringend ist.

Ob es gefährlich ist.

Ob ich aufstehen muss.

Einen Moment lang ist alles still.

Dann ruft niemand noch einmal.

Ich atme aus.

Erst dann merke ich, dass ich die Luft angehalten habe.

Ich lese weiter.

Ich bin in meinem Zimmer.

Ich bin nicht draußen.

Ich bin nicht mit den anderen.

Ich bin nicht dort, wo Mädchen in meinem Alter angeblich sein sollen.

Ich bin hier.

Und für einen kurzen Moment will niemand etwas.

Für einen kurzen Moment bin ich nicht zuständig.

Für einen kurzen Moment muss ich nichts merken.

Nichts halten.

Nichts verhindern.

Nichts beruhigen.

Nichts wissen.

Nur sitzen.

Nur atmen.

Nur Zeilen lesen.

Und vielleicht ist das traurig.

Vielleicht ist das komisch.

Vielleicht ist das nicht normal.

Ich weiß es nicht.

Für mich ist es einfach der ruhigste Teil des Tages.


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